NEUSEELAND 🇳🇿

Reiseroute 2018

Südinsel

Christchurch – Arthur’s Pass – Paparoa Nationalpark – Greymouth – Hokitika – Franz Josef Gletscher – Wanaka – Queenstown – Arrowtown – Milford Sound – Te Anau – Mount Cook Nationalpark – Christchurch – Kaikoura – Abel Tasman Nationalpark – Marlborough County – Picton

Nordinsel

Wellington – Ohakune – Tongariro Nationalpark – Huka Falls – Rotorua – Waitomo – Paihia – Bay of Islands – Auckland

Der kürzeste Tag

Samstag, der 3. November 2018, dauert für mich nur zwölf Stunden. In Neuseeland haben sie schon Sommerzeit, in Deutschland ist bereits Winterzeit. Deshalb beträgt der Zeitunterschied zwölf Stunden – mehr geht nicht. Die Umstellung ziehe ich wie immer auf die harte Tour durch. Landen, auf die Uhr gucken, das Gegebene akzeptieren und die Nacht zum Tag machen. Ich werde mit strahlendem Sonnenschein empfangen. Leider bleibt das nicht so. Die Einheimischen sagen über ihr Wetter: „Hope for the best, expect the worst.“ Und das bewahrheitet sich…

Das Essen hingegen ist besser als sein Ruf. Früher muss das wohl anders gewesen sein, aber heute hat man die Auswahl: Überall gibt es herrlich günstiges Sushi zum Mitnehmen. Die Restaurants lassen keinen Wunsch offen: thailändisch, vietnamesisch, italienisch, indisch… Sehr beliebt in neuseeländischen Pubs ist Pool Billard, was auch wir fleißig spielen. Besonders urig ist es im „Rockpool“ in Christchurch. Die abgewetzten Tische sind rot, mit Lederbeutelchen zum Auffangen der Kugeln. Die Cocktails werden in Teekannen serviert, dazu gibt es Schnapsgläser. Im „Chooky’s“ in Wellington bekommt man sogar Teetassen dazu.

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Schräge Vögel
und verhasste Fellknäuel

Neuseelands Vogelwelt ist einzigartig. Gleich am ersten Tag mache ich Bekanntschaft mit den berühmt-berüchtigten Keas (s. Film). Bei einem Stopp im Dorf Arthur’s Pass hole mir eine Tüte Chips und einen Orangensaft. Auf der Terrasse des Cafés hüpft einer der weltweit einzigen Bergpapageien herum. Ich lege beides ab, um ihn mit meinem Handy zu fotografieren. Sofort schnellt er vor, fliegt mit der Tüte davon und öffnet sie unter einem Auto mit seinem Schnabel. Direkt neben einem Schild: „Die Vögel nicht füttern“… Im Kiwi & Birdlife Park in Queenstown vergeift sich ein jugendlicher Kea an Schnürsenkeln. Und im Fjordland Nationalpark fliegt ein verspieltes Übelgeflügel auf einem Parkplatz auf ein Auto und versucht, die Blätter aus den laufenden Scheibenwischern zu ziehen.

Auch sonst trifft man viele seltsame Vögel. Während meiner Wanderung in Franz Josef entdecke ich u.a. einen Fan, der immer wieder seinen langen weißen Schwanz auffächert, und einen dunklen Tui, der bei jedem Ruf mit einer weißen Feder an der Kehle wedelt. Besonders legendär allerdings sind die diversen flugunfähigen Vögel auf Neuseeland, allen voran die Kiwis. Ich sehe die nachtaktiven Kerlchen jedoch nur in in stockdunklen Gehegen in Schutzzentren. Sie sind nämlich vom Aussterben bedroht. Weil auf den Inseln ursprünglich keine Landsäugetiere lebten, hatten die Kiwis das Fliegen einst als Energieverschwendung aufgegeben. Doch dann kamen erst die Maori, später die Europäer und brachten Räuber wie Katze und Marder mit. Einige kleinere Inseln vor der Küste, z.B. in der Bay of Islands, gelten zurzeit als „predator free“. Aber die Biester können schwimmen, Ratten etwa bis zu drei Kilometer.

Auch die einzigartige Pflanzenwelt Neuseelands wird von eingeschleppten Arten bedroht. Besonders verhasst sind die eigentlich in Australien beheimateten Fuchskusus. Mangels Fressfeinden haben sie sich explosionsartig vermehrt, fressen die Bäume kahl und werden nun überall bekämpft. Es ist nicht verpönt, ihre Pelze zu tragen. Die Wolle wird außerdem zu Pullovern, Handschuhen oder Mützen verarbeitet. Eine Marke heißt „The Ugly Possum“. Die niedlichen Fellknäuel sind hier wirklich nicht beliebt…

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Maori

Die ersten Menschen, die Neuseeland besiedelten, waren die aus Polynesien stammenden Maori. Knapp 15 Prozent beträgt ihr Anteil an der Bevölkerung heute, die meisten von ihnen leben auf der Nordinsel. Ursprünglich gingen sie friedlich miteinander um. Als jedoch die Bevölkerungszahl explodierte, brachen Kämpfe zwischen den Stämmen aus. Aus den Maori wurden Krieger. Schon Zweijährige wurden in die Kunst der Martial Arts eingeführt und auch die Frauen griffen zu den Waffen. Als Jahrhunderte später die europäischen Einwanderer eintrafen, machten sie sich die Streitigkeiten zunutze und spielten die verfeindeten Stämme gegeneinander aus.Während der Kolonialisierung wurden die Maori um ihr Land gebracht und durften ihre Sprache nicht sprechen.

Das hat sich zum Glück grundsätzlich geändert. In den 70er-Jahren förderten Maori-Aktivisten einen Vertrag aus Königin Victorias Zeiten zutage, der ihnen die Rechte am Land zugestand. Seitdem wurde viel zurückgegeben. Inzwischen sind alle offiziellen Schilder zweisprachig. Zwar ist die Situation noch nicht lange nicht perfekt. „Im großen und ganzen läuft es aber besser, als in den meisten anderen Ländern“, meint unser Guide Dave. „Wir gehen in dieselben Schulen, trinken in denselben Pubs. Es gibt keine Trennung.“

In Rotorua sind rund 70 Prozent der Einwohner Maori. Dort besichtigen wir ein Handwerkerzentrum, wo junge Maori weben (Kunst der Frauen) und schnitzen (Kunst der Männer) lernen. Abends besuchen wir das Mitai Maori Village (s. Film). Die Bewohner führen den Kriegsgesang und -tanz Haka vor, mit dem inzwischen auch die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft ihre Gegner einschüchtert. Furchteinflößend sind auch die traditionellen Gesichtstattoos. Zu Essen gibt es Gerichte aus dem Hangi, einem Erdofen. Ursprünglich kamen Kiwis und der inzwischen ausgestorbene Moa auf den Teller. Heute wird stattdessen Huhn und Lamm serviert. Beim anschließenden Gang durch ein nachgebautes Dorf, kennt der Regen mal wieder kein Erbarmen. Die Maori drücken es poetisch aus: „Sky father is still crying on earth mother.“

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DSCHIBUTI 🇩🇯

Reiseroute 2017

Djibouti CityArta Beach (1. Versuch, die Walhaie zu sehen) – Djibouti CityLac AbbéLac AssalVulkan ArdoukobaBay of GhoubbetForêt du Day NationalparkTadjouraObockGodoria MangrovenPlage des Sables BlancsTadjouraDjibouti CityArta Beach (2. Versuch, die Walhaie zu sehen) – Djibouti City

Nicht von dieser Welt

„Wo fährst du dieses Jahr hin?“ – „Dschibuti.“ – „Gesundheit!“ Als ich die Reise Anfang 2017 buche, ernte ich Unwissen (Wo ist das denn?) und/oder Unverständnis (Zwischen Eritrea, Somalia und dem Jemen? Ist das nicht furchtbar gefährlich?). Lange muss ich bangen, bis sich noch drei weitere Leute für den Trip anmelden, der eine Mindestteilnehmerzahl von vier hat. Ich wundere mich. Schnorcheln mit Walhaien, Landschaften, die so außerirdisch aussehen, dass dort „Planet der Affen“ gedreht wurde: Wer würde da nicht sofort hinwollen? Kurz vor meinem Abflug im November setzt die Backpacker-Bibel „Lonely Planet“ das Ländchen, das kaum größer als Mecklenburg-Vorpommern ist und gerade mal 850.000 Einwohner hat, auf Platz vier der zehn besten neuen Ziele 2018. Plötzlich bin ich hip und meiner Zeit voraus. Mein Trip ist längst ausgebucht, der Nächste im kommenden März ebenfalls.

Schon bei der Landung merkt man, dass die ehemalige französische Kolonie (bis 1977) kein typisches Touristenziel ist. Die meisten Ausländer hier sind Soldaten aus Frankreich, den USA, Japan, Deutschland und China, die u.a. die Piraten in der Region bekämpfen. Auf dem Flughafen stehen überall Militärflugzeuge und ein Jet von „Ärzte ohne Grenzen“. Das Hauptgebäude ist winzig. Die Polizisten an der Immigration stehen in Sachen Langsamkeit denen in Madagaskar in nichts nach. Zum Glück habe ich im Flugzeug vorne gesessen und bin als Zweite am Schalter. Außerdem habe ich mir das Einreise-Visum schon in Deutschland besorgt. Mitreisende hingegen erleben einen Schreck in der Morgenstunde, weil Dschibuti angeblich keine Visa mehr bei der Einreise erteilt. Tun sie dann aber doch. So ist unsere zwölfköpfige Gruppe vollzählig. Dazu kommen noch vier einheimische Fahrer, die neben ihrer Muttersprache Afar ein wenig Französisch sprechen, und zwei Guides. Omar stammt aus Dschibuti, spricht gut Englisch, ist aber noch ziemlich jung und unerfahren. Deshalb hat man ihm einen Veteranen zur Seite gestellt. Der Kenianer John hat schon große Teile von Afrika mit Gruppen bereist. Dschibuti ist allerdings auch für ihn Neuland. Zusammen sind die beiden ein perfektes Team.

John erzählt uns, woher Dschibuti (englisch: Djibouti) seinen Namen hat. Als die ersten Franzosen dort eintrafen, fragten sie einen Einheimischen, der gerade kochte, wie das Land heißt. Er verstand natürlich Bahnhof und dachte, sie wollen wissen, was er gerade macht. Seine Antwort: „Dschibuti“ – kochen. Auch auf eine wichtige kulturelle Sache weist uns John hin: Khat. Die Droge wird in Äthiopien angebaut und jeden Tag frisch über die Grenze gebracht. Gegen 13.00 Uhr erreichen die zarten Pflänzchen die Hauptstadt. Dann kommt das öffentliche Leben zum Erliegen. Selbst am Flughafen wird erstmal die Abfertigung eingestellt, um den Tagesvorrat zu besorgen. Vor allem Männer kauen die Rinde, sammeln sie wie Hamster in der Backentasche und aromatisieren schonmal mit Cola oder Erdnüssen. Es ist erst anregend, dann macht es müde. Auch unsere Fahrer besorgen sich regelmäßig ihre Ration und wickeln sie liebevoll in ein feuchtes Tuch, wie ein Baby. John tut ein Bestes, um sie davon abzuhalten, schon während der Fahrt zu konsumieren. Das war beim ersten Trip im Frühjahr wohl nicht so gut gelaufen. Da hat einer der Fahrer die Gruppe wortlos in einem kleinen Nest stehenlassen und ist für 30 Minuten verschwunden, um einzukaufen. Anschließend ist er mit dicken Backen wie ein Henker gerast, um die anderen wieder einzuholen. Der ist bei uns nicht mehr dabei…

Die beiden größten Volksgruppen in Dschibuti sind die aus Somalia stammenden Issa im Süden und die Afar, deren Gebiete wir hauptsächlich bereisen. Außerhalb der Hauptstadt leben die meisten Menschen traditionell als Nomaden. Die moslemischen Afar haben ihre ganz eigene Kultur. Sie sind auf drei Länder verteilt: Eritrea, Dschibuti und Äthiopien, wo das Oberhaupt der Afar, ein Sultan, lebt. Er hält sich aus der Politik weitgehend heraus (zwischen Eritrea und Äthiopien/Dschibuti gibt es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen). Konflikte zwischen einzelnen Afar machen sie in der Regel unter sich aus, wobei die Sharia angewendet wird. Stiehlt jemand eins der vermeintlich frei herumlaufenden Kamele: Hand ab! Wenn ein Afar einen Anderen tötet, schickt der Sultan Ältere, um für Gerechtigkeit zu sorgen. In der Regel wird nicht nur der Mörder bestraft. Seine ganze Familie muss 29 Kilometer auf Knien rutschen und verliert fast den ganzen Besitz. Auch Touristen werden manchmal nach Afar-Art gezüchtigt. Im Camp am Lac Abbé haben sich einmal zwei betrunkene französische Colonel vor den Augen eines Älteren geprügelt. Ein absolutes Tabu! Prompt hat man ihnen zwei Stunden lang die Ellenbogen auf den Rücken gebunden. Als ein Helikopter sie abholte, mussten sie zudem 120.000 dschibutische Francs (rund 575 Euro) zahlen und sich Versöhnungsküsschen auf jede Wange geben.

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Da, wo Afrika sein Horn verliert

DJIBOUTI CITY

Ich komme an einem Sonntag in der Hauptstadt an. Unser Hotel „Menelik“ liegt am zentralen Platz „27 Juin“ Weil der Sonntag hier der erste Werktag der Woche ist (Freitag und Samstag ist Wochenende), tobt draußen das Leben: hupende Autos, rufende Menschen. Obwohl sich direkt gegenüber eine kleine Polizeiwache befindet, gibt es im Eingang einen Metalldetektor und einen uniformierten Wächter, ebenso wie in der benachbarten Sportsbar. Nach dem Kennenlerntreffen macht die Gruppe einen Rundgang durch das europäische und das afrikanische Viertel im alten Kern. Auf einem Markt wird Obst und Gemüse angeboten, das vor allem aus Äthiopien importiert wird. Am Busbahnhof sollen prächtig geschmückte Busse mit Fransen an Außenspiegeln und Scheibenwischern die Kunden anlocken. Die teilweise unbefestigten Straßen mit Abwasserrinnen in der Mitte, wirken hingegen eher ländlich. Unter einem Blechdach sitzen Männer, die um Geld Domino und Karten spielen. Das ist erst ab 50 erlaubt, vorher schreitet die Polizei ein. In einem Laden, der von Flüchtlingen geführt wird, gibt es jemenitisches Kunsthandwerk.

 

Nach der Rundreise checke ich salzverkrustet und mit staubigem Gepäck im einzigen Fünfsterne-Hotel am Horn von Afrika ein: Djibouti Palace Kempinski. Dort bin ich gelandet, weil der Reiseveranstalter den Trip erst bestätigt und sechs Wochen später um zwei Tage verkürzt hat. Der Rückflug war aber schon fest gebucht. Da ich bei marokkanischen Teppichhändlern das Schachern gelernt habe, konnte ich herausschlagen, dass ich die beiden zusätzlichen Nächte hier verbringen darf. Außer dem „Sheraton“, das ohnehin ausgebucht war, gibt es nämlich nur sehr einfache Unterkünfte. Die Mitreisenden, die dasselbe Problem wie ich hatten, wohnen weniger nobel. An meinem letzten Tag habe ich ein echtes Luxusproblem: An welchem der beiden Pools soll ich mich häuslich einrichten? Oder doch lieber an dem kleinen Strand? Aber da darf man nicht baden. Ist zudem voller Algen. Ich wähle den größeren Pool mit Swim-in-Bar. Dort wird klar, warum die Halbinsel, auf der das Hotel steht, „Îlot du Héron“ heißt. Auf der Wiese staksen kleine Reiher herum und trinken zwischendurch aus dem Becken. Ebenso wie die Tauben (kleiner und hübscher als unsere) und die zahllosen Krähen. Abends esse ich eine Pizza für umgerechnet zwölf Euro. Das hatte ich mir teurer vorgestellt. Als ich ins Zimmer zurückkehre, sind meine Toilettensachen liebevoll geordnet. So etwas sind sie nicht gewöhnt! Schräg: Überall in der Lobby stellen fleißige Wichtel die Weihnachtsdeko auf, u.a. mit Schmeemännern. Bei 30 Grad in einem muslimischen Land. Aber die Weihnachtsbeleuchtung im Stadtzentrum hängt ja auch schon. Und direkt vor der Polizeiwache am Platz „27 Juin“ steht ein Glitzerbaum.

 

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KLEINE UND GROSSE BARRA

Im Konvoi mit vier Jeeps verlassen wir die Hauptstadt für eine Rundreise. Zunächst fahren wir an den Terminals des riesigen Hafens vorbei. Ein nagelneuer Terminal wurde gerade von von den Chinesen gebaut. Ebenso wie eine nagelneue Militärbasis (die erste außerhalb von China) und eine nagelneue Eisenbahnlinie nach Äthiopien. Da der Binnenstaat keine eigene Küste hat, kommt der Großteil der Waren über Dschibuti hinein. Dementsprechend sind auf der zweispurigen Hauptstraße nach Äthiopien Massen von Trucks unterwegs. Noch ist die Strecke asphaltiert. Am Rand sieht man Kamele, Ziegen, Esel, Paviane und viele Autowracks. Es geht mitten durch die Wüste: erst durch die kleine, dann durch die große Barra, wo wir einen Fotostopp einlegen. Die ausgetrocknete Ebene ist perfekt für Panoramafotos. Windhosen wirbeln Staub auf. Eine Fata Morgana gaukelt einen See in der Ferne vor. Es sieht extrem heiß aus, ist aber sehr angenehm, da ein kräftiger, warmer Wind weht. Schließlich wird die Gegend hügeliger. Hinter der Stadt Dikhil biegen wir von der Hauptstraße ab. Jetzt beginnt die afrikanische Massage. Eine richtige Straße gibt es nicht mehr. Ab und zu zeigen weiße Markierungen an Felsen, dass man die Richtung noch nicht verloren hat. Die Fahrer brettern querfeldein durch die Wüste. Wir fahren durch ein Dorf. Die Kinder winken. Hier gibt es noch keine Satellitenschüsseln auf den Dächern. Die Nomaden leben in runden Zelten und aus dicken Ästen gefertigten würfelförmigen Hütten. In einer Oase in einer Niederung wird Obst und Gemüse angebaut. Aus den wenigen Bäumen stellen die Anwohner Holzkohle her. Einzelne Gazellen springen vorbei. Der Weg durch die Berge ist ein Härtetest für die Jeeps. Einer hat einen platten Reifen, aber die Fahrer wechseln das Rad schnell. Bei einem anderen fällt der Reservekanister auf dem Dach um. Auf den klebrigen Diesel-Rückständen bleibt der Staub dann besonders gut haften. Ein Hirte kommt uns entgegen. Der Stock, den er auf den Schultern trägt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Gewehr. Auf dem Rückweg (Die Schotterpiste zum Lac Abbé ist eine Sackgasse) hat kurz vor Dikhil ein weiterer Jeep eine Panne. Zum Glück gibt es genug Ersatzreifen. Jedes Auto hat zwei.

 

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LAC ABBÉ

Am Lac Abbé erleben wir einen spektakulären Sonnenuntergang. Die einzige Unterkunft, ein sogenannntes Campment Touristique besteht aus traditionellen Hütten, aber man kann seine Pritsche auch draußen aufstellen. Die klare Nacht ist warm genug, um unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Abends tanzen und singen die Jungs im Camp für uns. Wir machen mit. Am nächsten Morgen gehts schon um 5.40 Uhr wieder los. Der Sonnenaufgang steht bevor. Ein Schakal streicht herum. Die Gegend um den See war früher der Boden des Roten Meeres. Heiße Quellen haben Kamine entstehen lassen. Versteinerte Meeresschnecken liegen im Sand. Wir wandern zum See. Es sieht aus wie auf dem Mars. Kein Wunder, dass dies als Kulisse für den ersten „Planet der Affen“-Film diente! Nach wie vor blubbern die heißen Quellen mit 100 Grad. Die Guides blasen Zigarettenrauch hinein, dann qualmt es kräftig. Das Wasser ist sehr schwefelhaltig. Die Einheimischen inhalieren den Dampf, er gilt als gesundheitsfördernd. Wenn mehrere Menschen gleichzeitig auf dem Boden herumspringen, vibriert alles. Ein Auto würde einbrechen. Durch Salzwiesen und über salzverkrustete Erde laufen wir Richtung Seeufer. Es fühlt sich an wie auf Schnee. Die örtlichen Flamingos sind nur als kleine Punkte in der Ferne zu sehen. Sie befinden sich in der Treibsandzone. Direkt ans Ufer kommt man nicht, weil es zu schlammig wird. Es sieht ein wenig aus, als würde die Erde uns viele Mittelfinger entgegenstrecken und vielleicht tut sie das auch. Der Klimawandel lässt dem See schnell weiter schrumpfen. In der kargen Ebene lassen Afar-Nomaden eine Ziegenherde weiden. Die Frauen sitzen im Schatten eines Felsens. Wir dürfen mit ihnen sprechen (Omar dolmetscht), sie jedoch nicht fotografieren. Verständlich, schließlich sind wir quasi in ihr Wohnzimmer gelaufen. Die Frauen flechten breite Bänder aus Palmwedeln, die zu Matten (Hüttendach) oder Teppichen zusammengefügt werden. Die Großmutter knetet einen Ziegenledersack voller Milch und presst oben Butter heraus. Die Männer sind vermutlich gerade unterwegs, um Khat zu organisieren.

 

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LAC ASSAL

Der Tiefpunkt unserer Reise ist gleichzeitig der Höhepunkt: Lac Assal! Der See befindet sich 150 Meter unter dem Meeresspiegel und ist eines der salzigsten Gewässer der Erde. Obwohl die Sonne bei unserer Ankunft schon untergegangen ist, muss ich hineinhüpfen. Selbst Nichtschwimmer haben hier nichts zu befürchten, das Wasser trägt. Allerdings treibt mich der Wind davon. Wer hier tauchen will, muss sich 50 Kilo auf den Rücken schnallen. Diesmal besteht die Unterkunft nur aus einer Pritsche und dem Sternenzelt. Auf einem salzverkrusteten Hügel suche ich mir ein hübsches, halbwegs ebenes Plätzchen mit Blick auf den See. Nicht einmal Moskitos stören den Schlaf. Am nächsten Morgen weckt mich dann die aufgehende Sonne. Wie bestellt kommt gerade eine Karawane mit sechs Kamelen in der Nähe an. Mehrere Männer beladen die Tiere mit Salzsäcken und singen dabei. Dann ziehen sie los. Zu Fuß, denn die Kamele dienen in Dschibuti nur als Last-, nicht als Reittiere. Die Nomaden haben einen wochenlangen Marsch durch die Berge bis nach Äthiopien vor sich. Das Salz, das sie am Ufer abbauen, kann man auch kaufen, ebenso wie einen salzverkrusteten Ziegenschädel als Souvenir. Mähä, mähä (das bedeutet „gut“ auf Afar und ist unsere Lieblingsvokabel)! Das Bild einer echten Kamelkarawane im milden Morgenlicht ist unwirklich schön und irgendwie aus der Zeit gefallen (s. Film). Und wer weiß, wie lange die Afar noch ihr traditionelles Leben führen können. Denn inzwischen sind die Chinesen auch an dieses entlegene Fleckchen vorgedrungen und haben eine nagelneue Straße gebaut, um den Salzabbau zu rationalisieren. In der Nähe befindet sich eine nagelneue Siedlung für die Arbeiter. Sicherlich komfortabler, als die aus Steinen aufgestapelten Mauern, die sonst als Behausungen dienen. Aber ist das tatsächlich ein Fortschritt? Ich weiß es nicht.

 

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VULKAN ARDOUKOBA

Der Lac Assal ist ganz unten, tiefer kann man auf dem ganzen afrikanischen Kontinent nicht sinken. Von dort aus machen wir eine Wanderung zum Ardoukoba. Es geht über Lavafelder und durch ein ausgetrocknetes Flussbett mit einzelnen Palmen (daran erkennen die Einheimischen, wo Grundwasser ist). Der letzte Vulkan Dschibutis ist 1977 noch einmal ausgebrochen und bei mehreren Explosionen innerhalb von nur vier Tagen komplett zerlegt worden. Deshalb gibt es in einer Reihe Richtung Äthiopien mehrere Krater, auf die wir kraxeln. Zwar gilt Der Ardoukoba jetzt als erloschen, Unter der Erde brodelt es zwar weiterhin. Wenn es jedoch erneut zu einem Ausbruch kommt, wird ein unterirdisch mit dem Ardoukoba verbundener Vulkan in Äthiopien die Lava spucken. Plötzlich taucht ein französisches Militärflugzeug auf, fliegt über unsere Köpfe, macht eine Kurve und winkt mit den Flügeln. Omar erklärt, dass er die Gruppe bei den Behörden anmelden musste. So haben sie nachgesehen, ob wir ok sind (und vielleicht auch, ob wir nicht irgendwo spionieren). Nach der Wanderung zeigt uns Omar einen langen Riss im Gestein. Wir befinden uns an der Stelle, an der die afrikanische und die arabische Platte auseinanderdriften. Deshalb sinkt die ganze Gegend auch immer weiter ab. Jedes Jahr wird der Riss zwei Zentimeter breiter. An einer anderen Stelle klaffte nach der Explosion des Ardoukoba plötzlich eine 1,20 Meter breite Spalte zwischen den Platten. Ganz so schnell geht es wohl nicht weiter, aber früher oder später wird Afrika sein Horn verlieren und Dschibuti samt Somalia eine Insel sein.

 

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BAY OF GHOUBBET

Am Ende des Golfs von Tadjoura, der sich tief ins Land hineinzieht, befindet sich die Bay of Ghoubbet, in deren Eingang die Teufelsinsel liegt. Einheimische meiden den etwas gruselig aussehenden Felsen komplett. Die ganze Bucht ist verrufen: Erst versuchten die Japaner, dort einen Hafen für den Abtransport des Salzes vom Lac Assal zu bauen, dann die Amerikaner. Beide Projekte scheiterten. Jetzt haben es die Chinesen (wer sonst?) fast geschafft. Aber ständig geht ihr Material kaputt. Für Omar kein Wunder. Er erklärt uns, warum die Insel sogar am jugoslawischen Bürgerkrieg schuld ist. Die Küstenstraße nach Obock wurde zwischen 1986 und 1988 von einem italienischen Unternehmer gebaut. Als Arbeiter heuerte er Sträflinge aus dem damaligen Jugoslawien an, denen im Anschluss die Freiheit winkte. Doch als sie nach zwei Jahren in die Heimat zurückkehrten, kam der Teufel mit und sie fingen an, einander umzubringen… Wir lassen uns davon nicht abschrecken und verbringen in der Bucht eine Nacht im „Campment Touristique Ardoukoba chez Momo“, das von von äthiopischen Immigranten betrieben wird. Es gibt zwar einen Holzverschlag als Klo, aber kein fließend Wasser. Stattdessen wasche ich mich im Meer. Das Schnorcheln an den Lavafelsen, die das Ufer säumen, lohnt sich. Ich sehe Korallen, viele Fische, sogar eine kleine Meeresschildkröte. Ein Problem sind nachher die nassen Sachen. Wie spannt man in einer baumlosen Gegend eine Wäscheleine? Das rostige Bettgestell, das herumsteht, erweist sich als ungeeignet. Schließlich klemme ich einen Stuhl zwischen die Lavabrocken um unser Zelt und spanne die Leine zum Eingang. Der kräftige, warme Wind trocket alles blitzschnell.

 

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FORÊT DU DAY NATIONALPARK

Um zum Dorf Day und dem Nationalpark zu kommen, biegen wir von der Küstenstraße auf einen Holperweg ab. Es geht aufwärts bis auf 1500 Meter Höhe. Unterwegs kommen wir an Hütten vorbei. Einige der runden Konstruktionen haben Plastikplanen übergezogen. Omar erklärt später, dass es in dieser Gegend manchmal Regen fällt. Zwar sind richtig fest aus Palmwedeln geflochtene Matten wasserdicht. Kann die Frau des Hauses hingegen nicht so gut flechten, regnet es ohne Plane durch. Der Bau der Hütten ist wie bei den Massai Frauensache. Alle helfen mit. Unerwartet ist der Anblick eines nagelneues Luxus-Resorts, dass über dem Dorf Day auf einem Hügel thront. Da sich nur wenige Touristen in die Gegend verirren, wurde es schnell wieder geschlossen und dient nun als Gästehaus der Regierung. Unsere Unterkunft ist nicht ganz so komfortabel: Wieder ein Camp, diesmal mit Rundhütten. Nach zwei Nächten ohne fließend Wasser gibt es hier immerhin zwei Blöcke mit je einer Toilette, einem Waschbecken und einer kalten Dusche. Endlich das ganze Salz abwaschen! Am Nachmittag machen wir einen Spaziergang durchs Dorf. Am Wegesrand steht eine mit dem Schlafmohn verwandte Pflanze, die als Droge verwendet wird (Alkohol ist ja für die meisten verboten…). Die örtliche Schule wurde von den UN gebaut. Hier leben nicht so viele streng traditionelle Nomaden, sodass auch Mädchen problemlos die Schule besuchen können. In anderen Gegenden hingegen wehrten sich die Älteren dagegen und mussten mit Geschenken bestochen werden. Dort finden z. T. immer noch Beschneidungen bei Mädchen statt, obwohl das inzwischen offiziell verboten ist. Abens feiern wir mit den Guides, den Fahrern und dem Personal vom Camp am Lagerfeuer eine tolle Party. Wir tanzen uns warm, denn es wird ziemlich kühl. Am nächsten Morgen machen wir einen Rundgang durch den Nationalpark. Der Name „Forêt du Day“ täuscht übrigens. Von dem Wald ist den kargen Bergen nicht mehr viel übrig. Die meisten Bäume sind bereits seit Ende der 80er tot. Ob das Waldsterben durch sauren Regen oder die vulkanische Aktivität verursacht wurde, oder der Wald einfach zu alt war, ist strittig. Jetzt versucht man, die Gegend wieder mit nachgezogenen Bäumen aufzuforsten. Vom Weg hat man einen fantastischen Blick auf die Goda Mountains, die höchsten Berge Dschibutis.

 

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OBOCK

Auf dem Weg nach Obock halten wir im Ort Tadjoura, der auch „weiße Stadt“ genannt wird, und essen im Haus von Omars Tante zu Mittag. In Obock verbringen wir die Nacht in einfachen Hütten direkt am Strand. Sie haben sogar eine Dusche. Warmes Wasser gibt es allerdings nur von 18.00 bis 19.00 Uhr. Im Restaurant der Unterkunft verkaufen sie keinen Alkohol, aber man darf welchen mitbringen. Die Bedienung bittet uns, die leeren Dosen und Flaschen nachher auf jeden Fall selbst in den Abfalleimer zu werfen, da sie sie nicht einmal anfassen darf. Obock selbst ist ziemlich klein. Es liegen viele Plastiktüten herum. Omar erzählt von einem Projekt, bei dem dieser Müll gesammelt, mit Sand gemischt und angezündet wird und dann als Fundament für Häuser dient.

 

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GODORIA MANGROVEN

Hinter Obock endet die Straße. Wieder fahren wir offroad über eine sandige Ebene, die einst der Boden vom Roten Meer war. Die Strecke ist nicht ganz so holprig wie beim Lac Abbé. Immer wieder scheucht unser Jeep Gazellen auf. Schließlich erreichen wir Godoria und fahren mit Booten in den siebtgrößten Mangrovenwald der Welt. Wer möchte, kann sich eine kostenlose Schlammpackung auf die Haut schmieren. Der breite Strand ist absolut narurbelassen und menschenleer. Beim Mittagessen, stellen wir erstaunt fest, dass das Tinkwasser aus dem nahen Jemen stammt. Die Einheimischen machen immer noch Geschäfte mit dem abgeriegelten Bürgerkriegland. Auf dem Rückweg halten wir am zweithöchsten Leuchtturm Afrikas und klettern schnaufend die Treppe hoch. Der Wärter muss die 60 Meter jeden Abend und jeden Morgen rauf und runter.

 

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PLAGE DES SABLES BLANCS

Der Strand gilt als der Schönste Dschibutis und ist tatsächlich sehr hübsch. Er schmiegt sich in eine kleine Bucht und ist von Felsen umgeben. Das Wasser ist klar und türkis, der Grund erst sandig, dann ziehen sich Korallenstöcke durch die ganze Bucht. Ideale Bedingungen zum Schnorcheln! Das kleine Hotel ist unsere bisher beste Unterkunft, das Essen klasse. Der Küchenchef stammt aus Nepal. Sie haben sogar WLAN – manchmal.

 

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TADJOURA

Von Tadjoura aus nehmen wir die Autofähre, die viermal wöchentlich nach Djibouti City verkehrt. Um 11.30 Uhr herrscht am Anleger ein großes Gewimmel. Erst wird entladen. Die Männer sind glücklich: Das Khat ist da! Dann beladen. Weil es keine Roll-on-roll-off -Fähre ist, fahren alle rückwärts hinauf: neben unseren und weiteren Jeeps und einem Militärtruck u.a. auch ein riesiger Laster voller Wasserflaschen. Selbst eine Ziegenfamilie und Feuerholz werden an Bord gebracht. Falls wir irgendwo stranden, muss niemand hungern oder dursten. Die Fähre ist schneller als geplant, da die See außergewöhnlich ruhig ist.

 

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Das Größte kommt zum Schluss:
WALHAIE!

An unserem zweiten Tag bin ich so aufgeregt: Wir haben ein Date mit den größten Fischen der Welt, die sich um diese Zeit im Golf von Tadjoura vor Arta Beach aufhalten. Am Fischereihafen von Djibouti City steigt die Gruppe in zwei Boote. Fischer bieten ihre Ware an, darunter einen Baby-Hammerhai. Wie gerne hätte ich den lebendig gesehen! Wir haben Delfine direkt neben dem Boot, aber trotz intensiver Suche zeigen sich die Walhaie nicht. Stattdessen schnorcheln wir an den Korallen vor der felsigen Küste. Die See ist ziemlich rau. Dementsprechend wird die Rückfahrt gegen die Wellen etwas ungemütlich.

 

Nachdem die Walhaie uns beim ersten Mal versetzt haben, wagen sieben von uns, die noch in der Stadt sind, nach der Rundreise einen zweiten Versuch und fahren wieder mit einem Boot zum Arta Beach raus. Endlich haben wir das ersehnte Ziel vor Augen. Der erste Walhai ist zwar noch recht klein („nur“ ca. 3 Meter lang), aber dennoch ziemlich beeindruckend. Man muss schnell sein: Gesichtet, alle Mann von Bord und hinkraulen. Ich liege an dritter Stelle und sehe zunächst nur die Flossen derjenigen, die vor mir sind. Dann kommt plötzlich ein riesiges Maul auf mich zu. Der Fisch hat gewendet und schwimmt so nah an mir vorbei, dass er mich fast berührt. Mehrere kleine gelbe Fische tummeln sich direkt vor seinem Maul. Auch unter seinen Flossen und um ihn herum suchen andere Fische Schutz. Den Walhai scheint das nicht zu kratzen. Uns ignoriert er ebenfalls. Dann verlieren wir ihn, sichten aber einen etwas Größeren. Der ist allerdings so schnell unterwegs, dass ich nur noch den Schwanz sehe. Immer wieder tauchen die beiden auf. Oder ist sogar ein dritter dort? Wir sind völlig aus dem Häuschen. Anschließend machen wir an einem hübschen Strand, der nur vom Wasser aus zu erreichen ist, Mittagspause. Zuvor schnorcheln wir noch in den vorgelagerten Korallenbänken.

 

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Mähä, mähä: Ich mag Ziegen – lebendig!

Bevor die Araber und später die Franzosen kamen, haben die Afar keine Fischerei betrieben. „Wir wussten gar nicht, dass es Fische im Meer gibt“, sagt Omar. Das traditionelle Essen ist Ziegenfleisch mit Reis. Ziegen sind allgegenwärtig. Sogar mitten in der Hauptstadt laufen sie auf den Straßen herum. Da ich kein Ziegenfleisch mag, hatte ich mich also schon auf eine 14-tägige Reis-Diät eingestellt. Zweimal erwischt es mich auch. Doch insgesamt ist das Essen vielfältiger und besser, als erwartet. Das erste Mittagessen nehme ich in einer Sportsbar schräg gegenüber dem Hotel ein. Das „Time Out“ ist auf italienisches Essen spezialisiert: himmlische, gegrillte Auberginen und Rotwein! Selbst im Camp am Lac Abbé bekommen wir Spaghetti mit Tomatensauce und einen Rinderspieß. Auch das französische Erbe ist immer wieder spürbar: Als Picknick beim Bootsausflug zum Arta Beach gibts am Kiesstrand Baguette mit Hühnchen (für die Vegetarier Thunfisch…), in Dikhil im Restaurant „Palmeraie“ Salat mit French Dressing, ein halbes Hähnchen mit Pommes und als Nachtisch Schoko-Crepe. Am ersten Abend essen wir in Djibouti City im „La Fontaine“, einem äthiopischen Restaurant auf einem Dach. Es duftet fantastisch. Die Gerichte werden auf einem Holzkohlegrill zubereitet. Es gibt u.a. Fladenbrot und eine Art herzhaften Pfannkuchen, scharfe Dips, Hühnchen mit Knoblauch, das auf einem Stövchen vor sich hin bruzzelt, und Rinderhack. Anschließend noch einen Kaffee, bei dem die Bohnen in einer Pfanne frisch geröstet und dann gemahlen werden.

 

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HOME, SWEET HOME

INDONESIEN 🇮🇩

Reiseroute 2017

BALI: UbudSidemenGunung BaturLovina (Schnorcheln am Menjangan Island Reef) – BedugulSanurLOMBOK: Senggigi – MasbagikTetebatuLoyokPringgasela – Labuan Pandan (Schnorchelausflug zu den Inseln Gili Petagan, Gili Pasir, Gili Bidara und Gili Kondo) – SenaruGili Air (Schnorchelausflug zu den Nachbarinseln Gili Meno und Gili Trawangan) – BALI: Serangan

BALI: Tanz auf dem Vulkan

 

Meine Rundreise beginnt im kulturellen Zentrum Balis, in Ubud. Um Mitternacht komme ich an. Es nieselt. Der verwunschene Garten des Hotels ist stockdunkel, der Weg bemoost und glitschig. Ein Froschkonzert empfängt mich. Drei hüpfen mir direkt vor die Füße. Tagsüber hört man vom benachbarten Reisfeld ein lautes Quaken: Laufenten, die Schädlinge vertilgen sollen. Gleich am ersten Tag wandele ich auf den Spuren von Julia Roberts, die im Film „Eat Pray Love“ auf Bali Liebe und inneren Frieden findet. Der Spaziergang führt über die Campuhan Ridge zwischen zwei Flusstälern auf der Höhe langsam bergab bis zu einem altem Tempel. Am nächsten Tag fahren wir mit zwei Kleinbussen raus aufs Land. Am Ceking Rice Field halten wir kurz. Die kunstvoll angelegten Reisterrassen mit einem ausgeklügeltem Bewässerungssystem zählen zum Weltkulturerbe. Wer hier arbeitet, ist ebenso wie die Teepflücker in Sri Lanka sehr fit. In Taro steigen wir auf Fahrräder um und fahren zurück nach Ubud. Der Sattel ist bretthart und mein Hintern klagt. Zum Glück geht es hauptsächlich bergab. Gegen Ende wird der (Links-)Verkehr immer dichter. Wenigstens müssen wir nicht wie auf Sri Lanka durch einen Kreisverkehr.

 

 

Richtung Sidemen werden die Hügel höher und die vor uns aufragenden Felsen schroffer. Bei einer Wanderung durchs Dorf zeigt uns der lokale Guide sein Haus, wo seine Frau gerade per Hand einen Hochzeitssarong webt. Sie braucht dafür 14 Tage. In der benachbarten Weberei entsteht ein Sarong in einer Achtstundenschicht am Webstuhl.

 

 

Der Höhepunkt der Reise – im wahrsten Sinne des Wortes – ist die Besteigung des 1771 Meter hohen Gunung Batur, bei der 700 Höhenmeter überwunden werden müssen. Unser Tag beginnt um 3.00 Uhr. Mit Stirnlampen wandern wir los. Und wir sind nicht die Einzigen: Eine Lichterkette zieht sich durch die Dunkelheit. Es ist extrem staubig, da es wohl länger nicht geregnet hat. Von oben betrachten wir einen herrlichen Sonnenaufgang. Man sieht nicht nur den höheren Vulkan Gunung Agung auf der anderen Seite des Kratersees, sondern sogar den zweithöchsten Berg Indonesiens auf Lombok. Die Sonne scheint nicht am Horizont, sondern direkt aus dem Meer aufzutauchen. Anschließend gucken wir in den Hauptkrater. Es kommt etwas Dampf aus einer Art Kamin. Im Moment schläft Gunung Batur. Der letzte Ausbruch war 2000. Richtig heftig hat sich der Berg 1963 ausgetobt, was man heute noch an einem erstarrten schwarzen Lavafeld sehen kann. (Nur wenig später machte sich der große Bruder mausig und die ganze Gegend wurde evakuiert. Das war knapp!) Die Abstiegsroute ist länger, dafür nicht ganz so steil. Zwischendurch geht es durch Wald.

 

 

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Lovina an der Nordküste. Dank der nahen Vulkane gibt es heiße Quellen im Ort. Das schwefelhaltige Wasser wird auch von den Einheimischen sehr geschätzt und strömt durch drei Becken. Nachher sind wir alle gelb. Der Strand in Lovina ist schwarz und nicht sehr einladend – im Gegensatz zum Strand der vorgelagerten Insel Pulau Menjangan im Nationalpark Bali Barat. Auf dem zentralen Markt findet ein Nachtmarkt mit vielen Garküchen statt, die sehr günstig sind. Die Einheimischen, die keine Lust zum Kochen haben, essen hier. Es wird sehr eng, aber das sagt unser Guide Tantan, ist den jungen Männern willkommen. So können sie mal „aus Versehen“ ein Mädchen Schulter an Schulter berühren.

 

 

Auf dem Weg nach Bedugul halten wir erst an einer kleinen Kaffeerösterei, in der die Reisbauern der Umgebung die Bohnen von auf ihren Feldern wild wachsenden Kaffeesträuchern verarbeiten lassen, dann am Munduk Wasserfall. Der ist 30 Meter hoch und im Moment etwas kleiner. In der dieses Jahr besonders heftigen Regenzeit hat er allerdings eine Brücke und den halben Weg weggerissen. Im nahen Restaurant bietet sich ein schöner Blick von der Terrasse, allerdings weht ein kalter Wind weht hinein. Immerhin sind wir fast auf 1000 Metern Höhe. Im Botanischen Garten in Bedugul besichtigen wir u.a. die Orchideen. Es gibt 300 verschiedene Arten, es ist jedoch keine Blütezeit. In einem Wald steht eine riesige, mehr als 100 Jahre alte Würgefeige. Die darf man nicht erklettern, weil ein Geist darin wohnt. Aber Hochzeitspaare können sich dort fotografieren lassen. Zwei sind „just married“. Eine Braut trägt weißes Kleid und Bikerboots, die andere, offenbar eine Muslima, einen rosa Schleier. Unser Hotel „Strawberry Hill“ macht seinem Namen alle Ehre: Im tropischen Garten wachsen tatsächlich Erdbeeren – unter Folie. Es ist ziemlich kühl und die Früchte auf dem Feld sind noch nicht reif. Einige haben sie aber schon. Die kann man sich z. B. zum Frühstück wünschen.

 

 

Nächste Station ist der Küstenort Sanur. Im Gegensatz zu Lovina ist der Strand hier heller, aber nicht leuchtend weiß. Es bläst ein kräftiger Wind, viele Leute lassen Drachen steigen. Bei Ebbe zieht sich das Meer weit zurück. Schwimmen geht nun gar nicht mehr. Fischer waten durchs flache Wasser und ziehen Netze hinter sich her. Nervig ist das Röhren der Jetskis. Auch die Verkäufer, die einem Sarongs u. Ä. andrehen wollen, stören etwas: „Want see my shooop?“ Schön ist, dass am Strand eine Promenade entlangläuft, mit Bars, Restaurants, Hotels und später Privathäusern. Abends essen wir im „Mango Beach“. Sie spielen Reggae. Bei Nacht gefällt mir Sanur besser, als am Nachmittag.

Als ich von Lombok zurückkomme, lande ich südlich von Sanur in Serangan. Da es nur 27 Euro kostet, nehme ich für den Nachmittag ein Hotelzimmer in der Nähe des Fähr-Anlegers. So kann ich duschen, bevor es zum Flughafen geht. Und eine Gepäckaufbewahrung habe ich auch.

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LOMBOK: Nachts sind alle Strände schwarz

Eigentlich wollte ich meine zweite Urlaubswoche auf einem Segelboot auf dem Meer zwischen Bali und der östlichen Nachbarinsel Lombok verbringen. Weil dieser Törn kurzfristig abgesagt wurde, musste ich umbuchen. Stattdessen mache ich einen landbasierten Trip auf Lombok und setze von Bali mit dem Schnellboot über. Bis zu neun Außenborder zähle ich am Heck der Boote. Unseres hat fünf. Wenn einer kaputtgeht, hat man noch vier. Der Fahrtwind ist heftig, aber warm, die See ruhig. Im Gegensatz zur zweieinhalbstündigen Rückkehr von Gili Air vor Lombok nach Serangan auf Bali: Ich ergattere einen Liegesitz auf dem Dach der Kabine. Gemütlich! Aber bald ist Schluss damit. Der Indische Ozean schaut vorbei. Nach kurzer Zeit sind alle auf dem Sonnendeck völlig durchnässt. Ich habe zwar ein Regencape im Rucksack, kann es aber im Fahrtwind nicht überziehen, so sehr flattert es. Zum Glück sind Rucksack und Handtäschchen wasserdicht. Danach ist alles salzverkrustet.

 

 

Wir erreichen die Westküste in Senggigi, dem touristischen Zentrum von Lombok. Es ist deutlich ruhiger als Sanur. Die badende Reisegruppe weckt die Neugier der einheimischen Kinder, die sofort angepaddelt kommen. Lombok ist nur halb so dicht besiedelt wie Bali. Dennoch reiht sich an der Hauptstraße, die quer über die Insel zur Ostküste führt, Haus an Haus und der Verkehr stockt immer wieder. Massen von Menschen sind unterwegs, z. T. prächtig zurechtgemacht. Es ist Sonntagabend. Zwischendurch besichtigen wir das eng bebaute Dorf Masbagik, das ca. 1000 Einwohner hat. Die Spezialität hier ist Töpferei, die meist von Frauen betrieben wird. Erst, als wir unsere erste Übernachtungsstation Tetebatu erreichen, wird es etwas ursprünglicher. Bei einem Spaziergang durch die Reisfelder sehen wir auf einem Feld die Ernte. Die abgeschnittenen Pflanzen werden kräftig ausgeschlagen. Der Rest wird gebündelt und dient als Kuhfutter sowie als Brennmaterial für das Tonbrennen. Die Gegend ist sehr fruchtbar, u.a. wachsen Macadamia-Nüsse, Muskat, Kakao, Kaffee, Vanille, Nelken, Baumwolle und Tabak. Viele auch sehr junge Leute rauchen. Die Regierung hat nichts dagegen, da das die Arbeitsplätze in der Tabakindustrie sichert.

 

 

Schließlich fahren wir mit ein paar Zwischenstopps weiter. Im Ort Loyok zeigen uns die örtlichen Frauen, wie man mit Bambus webt. Auch ich übe mich im Körbchenflechten. Natürlich ist es nicht so einfach, wie es bei meiner Lehrmeisterin aussieht. In Pringgasela bekommen wir ein traditionelles Mittagessen und machen anschließend einen Rundgang. Das Dorf wirkt deutlich wohlhabender als Masbagik. Die wenig attraktive Hauptstraße ist weiterhin durchgehend von Siedlungen gesäumt. Das Fortkommen ist mühsam. Motorräder und Laster zwingen unseren Fahrer zum Kriechgang. Als wir endlich an der Ostküste in Labuan Pandan ankommen, geraten wir in eine Parade zum Unabhängigkeitstag am 17. August, der zwar längst vorbei ist, aber bis zum Ende des Monats gefeiert wird. Der erste Blick auf den öffentlichen Strand ist ernüchternd: schwarz und zugemüllt. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft kommen wir an einem Kohlekraftwerk vorbei. So hatte ich mir das nicht vorgestellt… Das kleine Hotel, das wir für uns haben, hingegen ist hübsch. Die neuen Bungalows liegen direkt am Meer und der Strand ist komplett naturbelassen. Dort verbringen wir nach dem Schnorchelausflug zu den vorgelagerten Inseln einen wundervollen Abend. Die lokalen Guides haben ein Lagerfeuer gemacht, bieten uns hausgemachten Reiswein an, grillen Süßkartoffeln, spielen Gitarre und singen. Nachts sind alle Strände schwarz, aber die lodernden Flammen lassen diesen glitzern.

 

 

Von nun an wird die Bebauung spärlicher, die Gegend immer schöner und hügeliger. Die Straße führt an der Nordküste zwischen dem ebenfalls noch aktiven Vulkan Rinjani und dem Meer entlang. Wir verbringen eine Nacht in Senaru mit einem herrlichen Blick auf das bis zu 3726 Meter hohe Bergmassiv und laufen zu den Wasserfällen Sendang Gile und Tiu Kelep. Man kann darin baden, aber das Wasser ist eiskalt. Der Weg ist abenteuerlich. Zum Schluss waten wir im Fluss durch einen Tunnel.

 

 

Weiter westlich ist die Gegend wieder flach, bleibt aber ländlich. Mit einem kleinen Boot machen wir die kurze Überfahrt zur Insel Gili Air, wo wir zwei Nächte verbringen. Bei einem Schnorchelausflug besuchen wir auch die beiden Nachbarn Gili Trawangan und Gili Meno. Alle Inseln sind autofrei. Hauptverkehrsmittel sind Pferdewagen. An den schneeweißen Stränden ziehen sich jeweils Promenaden entlang, sodass man sie bequem umrunden kann. Während „Gili T.“, die größte, als Partymekka gilt, ist Meno, die kleinste, die urspünglichste der drei. Sie hat auch den besten Badestrand und eine Lagune zu bieten. Gili Air ist zum Baden weniger geeignet, da die Korallen bis zum Ufer reichen und das Meer sehr flach (sprich: bei Ebbe weg) ist. Dafür kann man in den vielen urigen Bars und Restaurants entspannt abhängen und an der Westseite bilderbuchmäßige Sonnenuntergänge betrachten.

 

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EAT: Bananenblätter als Pommestüte

Das Essen ist ähnlich wie auf Sri Lanka und somit sehr gut. Neben Currys gibt es überall die indonesischen Klassiker Nasi Goreng und Mie Goreng (mit Nudeln). In Ubud essen wir in einem Imbiss, in dem sich auch viele Einheimische ihr Mittagessen holen. Wie oft in Südostasien ist das am Vormittag gekochte Essen auf dem Buffet kalt. Also nehme ich nur vegetarische Tempura und Aubergine. Die ist richtig scharf gewürzt. Den dazu gereichten Reis nehme ich zum Löschen. Sehr lecker! Mit Cola kostet das Mahl umgerechnet 1,50 Euro. In Lovina essen wir in einem Privathaus. Es gibt eine große Auswahl an typischen Speisen.

Während einer Wanderung bekommen wir ein köstliches Picknick mit: Nudeln, Reis, geschreddertes Hühnchen, Salat und eine Art Müsliriegel aus Soja und braunem Zucker, dazu scharfe Shrimpsauce. Die anderen beneiden mich um meine Campinggabel, denn Besteck ist nicht mit dabei. Eingewickelt ist das Ganze in Bananenblätter. Man isst bequem wie aus einer Pommestüte. Und umweltfreundlich ist es auch: Die Bananenblätter kann man einfach wegwerfen, sie verrotten. Leider hat sich die Wegwerfmentalität auch bei Plastiktüten gehalten. So sehen wir später im Dorf Masbagik viel Müll, vor allem im kleinen Fluss. Bei einer Durianverkostung am Straßenrand bestätigt ein winziges Stückchen meinen Eindruck aus Borneo. Die Frucht schmeckt nicht ganz so eklig, wie sie riecht, aber irgendwie seltsam. Definitiv nicht mein Lieblingsobst!

Neben gesundem Essen werden auch leckere Drinks wie Turmeric Jamu mit Ingwer und Zitrone angeboten. Cocktails sind zumindest in den touristischeren Ecken ebenfalls zu finden, aber wegen der hohen Alkoholsteuer in Indonesien recht teuer.

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PRAY: 1000 Tempel und 1000 Moscheen

„Einheit in der Vielfalt“ lautet das Landesmotto von Indonesien. Rund 1300 verschiedene Volksgruppen leben auf den 6.044 bewohnten Inseln. Wir besuchen mit Bali und Lombok nur zwei größere und bei Schnorchelausflügen ein paar kleinere von den insgesamt 17.508 Inseln, aber auch die sind total unterschiedlich. Unser Guide heißt Tantan und stammt von Java, Balis westlicher Nachbarinsel. Er sagt, dass er die Einheimischen nicht versteht, wenn sie Balinesisch oder Lombok sprechen, denn seine Muttersprache ist Sunda. Deshalb hat man Bahasa Indonesia als Universalsprache eingeführt. Seit 1972 wird mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben. So kann ich die örtlichen Schilder zwar nicht verstehen, aber immerhin lesen.

Atheisten gibt es in Indonesien nicht. Jedenfalls nicht offiziell. Alle Bürger müssen eine Religion wählen, die in ihrem Pass steht. Und: Es muss eine Religion sein, die nur eine Gottheit verehrt. Für die meisten Indonesier ist das kein Problem. Sie sind Moslems. Der Staat organisiert für die Gläubigen die große Hadsch (40-tägige Pilgerreise nach Mekka) gegen eine Gebühr von 25 Millionen Rupien. Auch Tantan hat sich 2016 registriert und wird laut Warteliste 2034 an der Reihe sein.

Während wir auf die Überfahrt nach Lombok warten, erzählt Tantan etwas über die spezielle Kultur auf Balis östlicher Nachbarinsel. Wenn ein Mann eine Frau heiraten will und die Eltern einen zu hohen Preis verlangen, kidnappt er sie – mit ihrem Einverständnis. Sie schleicht sich im Dunkeln heraus, trifft sich mit ihm und zieht ins Haus seiner Eltern. Dann können ihre Eltern nichts mehr sagen. Strenge Moslems sind zwar dagegen, aber es ist ein uralter, lokaler Brauch und deshalb akzeptiert. In Indonesien dürfen Leute verschiedener Religionen übrigens nicht heiraten. Sie müssen z. B. nach Singapur. Allerdings wird die Hochzeit in Indonesien nicht anerkannt. Manchmal macht die Polizei auf der Suche nach unverheirateten Paaren Razzien in Hotels.

Während Bali die „Insel der 1000 Tempel“ ist (s. unten), wird Lombok als „Insel der 1000 Moscheen“ bezeichnet. Tantan versteht das nicht recht. Er findet es wichtiger, viele Leute in einer Moschee zu haben, als viele Moscheen. In der ältesten Moschee auf Lombok legen wir einen Zwischenstopp ein. Nayan Belek ist ca. 300 Jahre alt und heute eine historische Stätte. Das Gebäude ist quadratisch, sieht mehr wie ein Wohnhaus aus und ist innen ganz schmucklos. Interessanterweise hat es ähnlich wie die Rundhütten der Zulu in Südafrika einen niedrigen Eingang, damit man sich beim Eintreten respektvoll verbeugen muss.

Der Islam in Indonesien unterscheidet sich vom Arabischen. Einige animistische und hinduistische Traditionen haben sich gehalten. Beispielsweise gibt es hier Beerdigungszeremonien, die eigentlich verboten sind. Im Dorf Masbagik fällt auf, dass die meisten Frauen kein Kopftuch tragen. Das haben sie nie getan und sind es nicht gewohnt. Auch, wenn die Bewohner kein Schweinefleisch essen, trinken einige von ihnen den Reisschnaps Arrak. In dieser Region basiert das lokale Gesetz auf der Zahl drei. Deshalb fasten viele Leute im Ramadan nur drei Tage (Anfang, Mitte, Ende) und beten nur dreimal täglich.

Als wir im Dorf Tetebatu ankommen, bin ich so müde, dass ich das Abendessen ausfallen lasse, um nachher an einer Tanzvorführung teilzunehmen. Meine Mitreisenden (alle weiblich) erzählen mir etwas angesäuert, dass es im Restaurant zwar Bier gab (auch, wenn das nicht auf der Karte stand), der Inhaber es aber nicht an Frauen verkaufen wollte. Die Tanzvorführung hingegen ist für alle ein unvergessliches Erlebnis: Eine Marching Band empfängt uns mit Trommeln und Becken. Die Leitmelodie übernimmt eine Art Flöte, die mit Megaphon verstärkt wird. Wir bekommen Fackeln und werden zum Beginn des Zuges komplimentiert. Dann gehts durchs Dorf bis zum Innenhof eines größeren Hauses. Alle Bewohner scheinen auf den Beinen zu sein und begleiten uns. Bei der Tanzvorführung sind wir überrascht: Damenwahl! Dann tanzen zwei Männer miteinander, wobei ihre Bewegungen eher an Karate erinnern. Einer trägt zum rotgoldenen Sarong ein T-Shirt der italienischen Nationalmannschaft. Schließlich fordern die Männer uns Touristinnen (vorher entsprechend eingekleidet) auf, eine nach der anderen. Es gibt kein Entkommen. Die Dorfbewohner schmeißen sich weg vor Lachen.

Besonders interessant ist die Kultur der Suku Sasak. Bei ihnen hat sich alles vermischt: Animismus, Hinduismus und Islam. In Senaru zeigt uns ein weiblicher Guide ein traditionelles Dorf dieser Volksgruppe. Sie selbst hat 16 Geschwister und erklärt nun den jungen Frauen, dass Bildung wichtig ist und sie besser nur zwei Kinder bekommen sollen. Das Dorf besteht aus Bambushütten mit Strohdächern. Die werden heute nicht mehr gebaut, weil man dafür Tropenholz braucht. In den 24 Häusern wohnen mehr als 100 Familien, insgesamt ca. 1000 Menschen. Manchmal leben mehrere Familien in einem Haus, das nur einen Raum hat. Wir besichtigen eins: In einer Ecke befindet sich die Küche (sprich: Feuerstelle), es gibt ein Bett für die Eltern, eine Kammer für die Mädchen. Zwölf Leute schlafen hier. Zarte Frage einer Mitreisenden: Wie können unter diesen Umständen so viele Babys entstehen? Die Lösung: Tagsüber oder in einem Unterstand im Reisfeld. Für Flitterwöchner zieht sich die Familie auch mal aus dem Haus zurück.

Bali ist in Indonesien eine Ausnahme: Hier sind Hindus mit über 80 Prozent in der Mehrheit. Zuerst kamen Buddhismus und Hinduismus in die Region. Die Hindus setzen sich durch und hatten ihr größtes Königreich auf Java. Im 15. Jahrhundert eroberte der Islam die Inseln. Auf Java wurden die Hindus zur Minderheit und flohen nach Bali. Ich hatte immer geglaubt, dass es im Hinduismus viele Götter gibt. Trotzdem wird auf Bali die Forderung der Zentralregierung, nur eine Gottheit zu verehren, elegant erfüllt: Die Hauptgötter Brahma (der Schöpfer), Vishnu (der Bewahrer) und Shiva (der Zerstörer) bilden eine Dreifaltigkeit – und sind somit nur Aspekte desselben göttlichen Prinzips. Ebenso wie alle anderen Götter nur Aspekte dieser Götter sind. Entsprechend der wichtigsten Götter gibt es in jedem Dorf drei Haupttempel. Jeder hat sein eigenes Fest. Nach eigenem Kalender.

In Bedugul besichtigen wir einen der heiligsten Tempel der Insel: den 1634/1635 erbauten Ulun Danu Beratan. Tantan hat sich zur Feier des Tages in Schale geworfen, trägt die traditionelle Kopfbedeckung, ein weißes Hemd und Sarong. Der Fahrer hat Blumen hinter den Ohren. Das Gelände liegt direkt am See. Davor befinden sich zwei kleine Inseln mit Schreinen drauf. Sie haben zig Dächer übereinander, immer eine ungerade Zahl. Einige Gläubige fahren mit einem Boot heraus, um der Göttin des Sees zu opfern. In einem Pavillon sitzen Menschen und singen leise Gebete oder Mantras. Im Park steht ein riesiger Banyanbaum. Der Stamm ist – wie viele Bäume und Statuen auf Bali – mit einer schwarzweiß karierten Schärpe umwickelt, die Yin und Yang symbolisiert. In der Nähe steht eine sehr alte, buddhistische Pagode. Der Haupttempel wirkt vergleichsweise bescheiden: Keine großen, bunten Statuen wie in dem Hindutempel, den wir auf Sri Lanka besichtigt haben. Wer kein Hindu ist, darf hier nicht hinein. Auch von Frauen, die ihre Periode haben, darf er nicht betreten werden. Plötzlich kommt aus dem Haupteingang eine Prozession heraus. Die Frauen balancieren kunstvolle Gebilde auf dem Kopf.

Die Religion ist untrennbar mit dem Alltagsleben verbunden. Man stolpert ständig darüber: Mitten auf dem Bürgersteig vor jedem Haus, jedem Geschäft liegen kleine Körbchen mit Reis, Gemüse, Blüten und Räucherstäbchen. Es sind Opfergaben, die dreimal täglich dargebracht werden. Sie befinden sich auch auf dem Mahlwerk der kleinen Kaffeerösterei, die wir besichtigen, und auf dem Armaturenbrett unseres Minivans. Die Reisfelder haben eigene Schreine, ebenso wie jeder Stand auf dem Zentralmarkt in Lovina.

Bei der Besichtigung eines balinesisches Wohnhauses erfahren wir, wie religiöse Zeremonien das ganze Leben begleiten. Das Haus ist streng nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Der Wohnbereich besteht aus einzelnen Pavillons und ist offen. In der Mitte steht ein prachtvolles Bett, in dem jeder der Großfamilie nach einer Zeremonie schlafen kann. Und davon gibt es viele: sechs Monate schwanger, Geburt, mit einem Monat und sieben Tagen erneut. Im Alter von drei Monaten (erst jetzt darf das Baby den Boden berühren), von 1 1/2 Jahren (das Haar wird geschoren), Pubertät, mit 17 Jahren werden die Zähne glattgefeilt: gegen die sechs (!) Todsünden (Motto „straight teeth, straight life“). Anschließend gelten die Kinder als erwachsen. Später noch Hochzeit, zuletzt Beerdigung. Bei Priestern und Adeligen werden die Leichen sofort rituell verbrannt. Manchmal muss man einige Tage auf den richtigen Termin warten. Wenn die Leiche etwas riecht, vertreiben sich die Träger den Geruch mit Arrak und der Leichenzug geht schonmal in Schlangenlinien. Normale Menschen werden aus finanziellen Gründen oft erst nach Jahren und mit anderen gemeinsam kremiert.

Nach der Verbrennung ist der Verstorbene ein Ahne und kann im Familientempel, der zu jedem traditionellen Haus gehört, angebetet werden. Früher hatten die Hindus auf Java eine andere Tradition: Die Toten wurden in einen Baum mit starkem Duft gehängt, der alles übertünchte. Fahrzeuge und Tiere haben wiederum eigene Zeremonien. Überall stehen Körbe mit Hähnen, die für Kämpfe eingesetzt werden. Das ist halb legal (für manche Zeremonien werden Blutopfer benötigt), halb illegal (es wird darauf gewettet).

Die Kultur ist ebenfalls eng mit der Religion verwoben. Ob Malerei, Schnitzerei, Musik oder Tanz: Künstlerische Betätigung hat vor allem den Zweck, die Götter zu erfreuen. Das sehen wir u.a. im kulturellen Zentrum Ubud bei einer Tanzperformance. Im Mittelpunkt steht der berühmte Kecak, der die Geschichte von den Königen Rama und Rahwana, der Ramas Frau Sita entführt, erzählt. Es ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Natürlich gewinnt Rama.

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LOVE: Eine Tierwelt zum Verlieben

 

Highlights der Reise sind erwartungsgemäß die drei Schnorcheltage. Von Lovina auf Bali machen wir einen Ausflug nach Menjangan Island. Dort sehe ich den ersten wirklich schönen Strand. Unter Wasser zeigt uns der Guide u. a. einen riesigen Kugelfisch, eine Muräne und findet Nemo.

 

 

Von Labuan Pandan auf Lombok aus fahren wir mit kleinen Auslegerbooten durch raue See zu den vier kleinen Inseln vor der Küste. Bei Gili Petagan sehen wir erst gebleichte und vom Dynamitfischen zerstörte Korallen, dann plötzlich einen fantastischen Garten, in dem auch wieder Clownfische leben. Der Landgang auf Gili Pasir ist nur bei Ebbe möglich, denn bei Flut ist das Inselchen weg. Der Sand ist wegen der roten Korallen teilweise rosa. Auf Gili Bidara machen wir Mittagspause. Dieses Eiland kann in 20 Minuten umrundet werden. Es gibt nur ein paar Fischerhütten, in denen im Moment keiner wohnt. Sie kommen nur ab und zu und pflanzen in der Regenzeit Süßkartoffeln in der Mitte. Im Moment ist es ganz trocken, vor kurzem wüteten Buschfeuer. Man trifft kaum Touristen, nur ein paar Einheimische. Neben uns legt ein Boot an. Zwei Frauen machen sich zum Schnorcheln bereit. Mit Kopftüchern. Den letzten Schnorchelgang machen wir vor Gili Kondo.

 

 

Zu Recht berühmt ist die Unterwasserwelt der drei Gilis im Nordwesten von Lombok. Beim ersten Schnorchelgang vor Meno entdecke ich Schildkröten ganz nah und einen sehr seltsamen Fisch auf dem Boden. Interessant sind auch der „Meno Wall“ und die Statuen, die vor der Küste im flachen Wasser versenkt wurden.Vor Gili Trawangan versucht ein grüner Hummer mit Punkten, einen Einsiedlerkrebs aus der Schale zu pulen. Vor dem Anlegen auf Gili Air springen wir noch einmal ins Wasser. Auf Gili Meno gibt es auch eine Schildkröten-Aufzuchtstation. Am Strand ist zu viel los, deshalb werden die Eier in Sicherheit gebracht und ausgebrütet. Im Alter von acht Monaten dürfen die Kleinen ins Meer. Sie essen sogar Fisch. Ich dachte immer, sie wären reine Vegetarier. Die Jüngsten sind gerade ein paar Tage alt.

 

 

Spektakuläre Landtiere wie Elefanten oder Orang-Utans leben auf Bali und Lombok zwar nicht. Dafür aber lustig aussehende, kleinere Affen mit Punkfrisur. Besonders viele trifft man im Monkey Forrest in Ubud. Dort turnen sie zwischen riesigen Bäumen mit Luftwurzeln und alten moosüberwucherten Tempeln herum. An einem kleinen Teich steckt ein Affe den langen Schwanz ins Wasser und lutscht ihn ab. Man muss aufpassen, dass man nicht auf die Schwänze drauftritt, denn die Affen sitzen auch mitten auf dem Weg. Zudem besteht die Gefahr, auf den allgegenwärtigen Bananenschalen auszurutschen. Ein Affe ist die Bananenspenden der Besucher leid: Er klaut in einem Café gegenüber vom Wald Pommes. Oben auf dem Gunung Batur tummeln sich dieselben Affen wie in Ubud, und sie sind ebenso dreist. Zwei nehmen mich als Zwischenstation, um zu einem Bananenspender zu springen und ziehen mir dabei die Schwänze durchs Gesicht.

 

 

Dann wären da natürlich noch die Gekkos und die etwas größeren Tokehs, die nachts ständig ihre Namen rufen: „gek-ko, to-keh, gek-ko…“ Interessant sind auch die schwanzlosen Katzen, die uns immer wieder begegnen. Bei der ersten denke ich noch: Oh je, die hatte einen Unfall. Aber es ist wohl genetisch bedingt.

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HOME, SWEET HOME

SRI LANKA 🇱🇰

Reiseroute 2017

NegomboAnuradhapura (Ausflug nach Mihintale) – PolonnaruwaDambullaMinneriya NationalparkSigiriyaKandyBandarawelaIdalgashinnaUdaweriyaBambarakanda WasserfallBandarawela – Udawalawe (Elephant Transit Home) – MirissaGalle Colombo

Cuba Libre mit Cojones
und der Rat des Erleuchtetten

Ähnlich wie Thailand ist Sri Lanka Schilda-mäßig ein Hotspot. Meine Sammlung mit schrägen Schildern aus aller Welt wächst weiter. Immer wieder ein Klassiker: Speisekarten. In einem Restaurant bieten sie einen ganz speziellen Cuba Libre an – mit „Drak Rum, Fresh Lime Juicd, Cock“. Der Barkeeper hat offensichtlich Eier! Manche Hinweise sind nicht übermäßig erhellend: „Tote Rate – 36“ an einem Wasserfall lässt sich erst in Kombination mit der englischen Version „Recoded death up to date – 36“ erraten. (Vermutlich sind hier 36 Menschen tödlich verunglückt. Oder Ratten.) Nebulös bleibt auch das Verbot, harmlos aussehende Wasserbecken in einem Park zu betreten: „You may meet with disasters“. (Piranhas? Haie? Flutwellen? Beulenpest?) Ebenso spirituell wie mysteriös ist dieses in Stein gemeißelte Fundstück aus einem Tempel:

Eigentlich habe ich alle Menschen in Sri Lanka (auch die Männer) als sehr freundlich erlebt. Warum also warnt auf dem Bahnhof in Galle ein Schild: „Seid höflich in Gegenwart von Frauen“? Immerhin gibts hier endlich mal Anzeigetafeln, die funktionieren – aus Holz mit Uhren, deren Zeiger man mit der Hand auf die Abfahrtszeit stellen kann. (Liebe Deutsche Bahn, vielleicht wäre das die Lösung eurer Probleme.)

Das coolste TukTuk, das ich je gesehen habe, ist mit Fernseher, Subwoofer, Webcam und Bob-Marley-Lackierung ausgestattet, und in einem Halter neben dem Fahrersitz steckt eine halbvolle Wodkaflasche. Die Fahrgäste hingegen dürfen weder Alkohol noch Gras dabeihaben. (Besteck, Waffen und Hunde übrigens auch nicht.)

Dann wären da noch: Ein armes „nicht Hupen“-Verkehrsschild, das keiner beachtet. Ein Mann, der direkt neben der Mahnung „Dies ist ein heiliger Ort. Bitte benehmen sie sich gut auf dem Gelände“ ungeniert raucht. Ein Rettungsschwimmer, der an einer Tafel mit der Aufschrift „Giftige Tiere. Nicht ins Wasser gehen“ lehnt und Massen von Menschen beobachtet, die genau dies tun.

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Vier Religionen auf einer Insel

Auf der Flagge von Sri Lanka ist rechts ein Löwe, der ein Schwert hält. Er symbolisiert die singhalesische Mehrheit (Buddhisten), der orange Streifen in der Mitte steht für die Tamilen (Hindus), der grüne Streifen links für die Moslems. An unserem Startpunkt, der Hafenstadt Negombo, hingegen sind die meisten Einwohner katholisch. Mein Taxifahrer heißt Anthony nach St. Anton und zeigt mir mehrere große Kirchen und Heiligenschreine mit neonleuchtenden Kreuzen. Nicht umsonst sieht der Ort europäisch aus: Die Kanäle wurden von den Portugiesen begonnen, von den Holländern vollendet.

Unser Guide Kasun ist Buddhist, stammt aber aus einer Familie, in der man mal in die Kirche, mal in den hinduistischen oder buddhistischen Tempel und mal in die Moschee geht. Obwohl viele Menschen auf Sri Lanka solch einen multikulturellen Hintergrund haben, hat das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht immer pro­blem­los funktioniert: Von 1983 bis 2009 herrschte Bürgerkrieg zwischen den Singhalesen im Südwesten und den Tamilen im Nordosten der Insel. Seit dem Ende blüht nicht nur das Land, sondern auch der Tourismus auf. Meine Rundreise konzentriert sich auf die Mitte und den Südwesten. Der Nordosten, der jahrzehntelang gar nicht bereist werden konnte, soll immer noch recht unerschlossen sein.

Im kulturellen Dreieck (s.u.) besichtigen wir vor allem buddhistische Tempel. Einmal machen wir unterwegs aber auch an einem Hindutempel Station, der von einem reichen Tamilen gestiftet wurde. Er ist sehr bunt und dem Gott Skanda gewidmet. Dessen Tier ist der Pfau, von dem zahlreiche lebende Exemplare umherspazieren. Ebenso wie lebende Hühner, die als Opfer in den Tempel gebracht wurden. Am schönsten finde ich aber den Elefantengott Ganesha. Sein Tier ist die Maus. Kasun erzählt uns, warum Ganesha einen Elefantenkopf hat: Sein Bruder Skanda hatte sich in eine Frau verliebt, wusste aber nicht, wie er sie erobern sollte. Der kluge Ganesha hatte eine Idee: „Pass auf, ich verwandele mich in einen Elefanten und erschrecke sie, du rettest sie. Dann verstecke ich mich im Wald und du besprenkelst mich mit Wasser, damit ich mich zurückverwandeln kann. Gesagt, getan. Doch die Frau wurde vor Schreck ohnmächtig. Skanda schüttete ihr Wasser ins Gesicht. Leider reichte das restliche Wasser nicht mehr zum Besprenkeln des ganzen Körpers seines Bruders. Der Kopf blieb übrig. Dumm gelaufen für Ganesha…

In allen Tempeln gilt wieder: Schuhe aus! Meine europäischen Winterfüße, die monatelang in kuschelig-weiche Fellstiefel verpackt waren, werden schlagartig auf den harten Boden der Realität geholt: Kiesel pieken und auf glühend heißem Pflaster frittiere ich mir die Fußsohlen. Immerhin ist hier (im Gegensatz zu Myanmar) wenigstens das Tragen von Socken erlaubt. Ebenfalls verboten sind Kopfbedeckungen. Das gilt auch für Moslems. Einmal kommen uns auf dem Ausgrabungsgelände in Po­lon­na­ru­wa muslimische Mädchen entgegen. Wie bei allen Schulkindern ist ihre Uniform komplett weiß. Zwei tragen Nikab und sehen damit fast aus wie Gespenster (oder Mitglieder vom Ku Klux Klan). Eine besondere Regel, die mir zuvor weder in Myanmar, noch in Thailand begegnet ist: Man darf sich nicht mit dem Rücken zu einer Buddha-Statue fotografieren lassen, woran überall Schilder erinnern.

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Verschollen im kulturellen Dreieck

Die ersten Siedler auf Sri Lanka haben sich in der Gegend mit dem wenigsten Niederschlag niedergelassen. Dort befinden sich die ältesten Städte, die heute archäologische Stätten mit Weltkulturerbe-Status sind. Sie bilden ein Dreieck, dessen Ecken wir zu Beginn unserer Rundtour nacheinander ansteuern:

1. ANURADHAPURA

Als Erstes machen wir einen Abstecher nach Mihintale. Es ist ein Fels, auf dessen Gipfel 1840 Stufen führen. Daneben befindet sich die Kantaka Stupa aus dem 3. Jh. v. Chr., umgeben vom wohl ersten Naturschutzgebiet der Welt: Nachdem der damalige König zum Buddhismus konvertiert war, wollte er die Tiere nicht mehr töten und stellte seine Jagdgründe unter Schutz.

Die archäologische Stätte in Anuradhapura erkunden wir mit dem Fahrrad. Aber erstmal hinkommen! Der Weg vom Hotel führt durch drei Kreisverkehre. Und das mit Linksverkehr. Der Zweite ist besonders wuselig. Auf dem Hinweg verliere ich den Anschluss an die Gruppe, weil Autos kommen und kriege die Krise. Auf dem Rückweg verliere ich einen Schuh und kriege nochmal die Krise. Es ist ein sonniger und heißer Tag und selbst mir ist warm. Als wir im Hotel sind, falle ich erstmal in den Pool. Herrlich! Aber die Mühen lohnen sich: Wir besichtigen beispielsweise die Jathawanaramaya Stupa, einst das dritthöchste Gebäude der Welt. Sie wurde um 380 n. Chr. gebaut, ist also 600 Jahre jünger als die Kantaka Stupa in Mihintale. Besser renoviert ist die Mahavihawihara Stupa, die gleich mehrere Reliquien von Buddha enthält. In der Nähe befindet sich ein Ableger des mythischen Bodhi-Baumes, unter dem Buddha erleuchtet wurde. Er gilt als ältester Baum der Welt und wird wie ein Gott verehrt. Eine besonders interessante, gut erhaltene Buddha-Statue sehen wir im Komplex Abayagiriya. Der Gesichtsausdruck ändert sich je nach Blickwinkel: Von Links lächelt er froh, von der Mitte milde und von Rechts traurig. Am Elephant Pond genießen wir ein fantastisches vegetarisches Picknick und probieren erstmals einen Salat aus Bananenblüten.

2. POLONNARUWA

Wieder steigen wir aufs Fahrrad. Diesmal gibts auf dem Weg vom Hotel nur einen haarigen Kreisverkehr zu überwinden. Dafür drängt mich auf dem Rückweg beinahe ein mit Soldaten beladener Truck von der Straße. Außerdem klingeln einem vom allgegenwärtigen Hupkonzert die Ohren. Obwohl fast 1000 Jahre alt, ist Polonnaruwa deutlich jünger als Anuradhapura. Nach der Unabhängigkeit Sri Lankas 1984 wurde mit der Restaurierung begonnen. Highlight des Komplexes ist der Rock Temple mit vier in den Fels gemeißelten, riesigen Buddhas. Ebenfalls interessant: das heilige Viereck. Es besteht aus einem Meditationszentrum und drei Tempeln, die von drei Königen nacheinander für die Zahnreliquie gebaut wurden, die inzwischen in Kandy verwahrt wird. Vom ehemaligen königlichen Palast sind nur zwei Etagen übrig. Das Gebäude hatte sogar einen Swimmingpool mit Umkleideraum und ein Klo mit Sickergrube. Ein Stausee sorgte für frisches Wasser. Am Ufer befinden sich Reste des Rathauses, wo das (vom König, nicht vom Volk gewählte) Ministerkabinett tagte.

In der Nähe von Polonnaruwa befinden sich zwei weitere Sehenswürdigkeiten. Der Tempel in Dambulla besteht aus fünf Höhlen voller Buddha-Statuen – stehende, sitzende und liegende. Bei den liegenden Buddhas muss man auf die Zehen achten, erklärt uns Kasun. Sind sie direkt übereinander, ist er verstorben und bereits im Nirwana. Sind sie versetzt, schläft er nur. Schwieriger zu deuten sind die verschiedenen Handgesten. Eine erhobene rechte Hand mit der Fläche nach außen z.B. heißt nicht „stop“, sondern, dass Buddha keine Angst vor dem Tod hat. Was hingegen die Statuen sagen wollen, die einem eine Art Stinkefinger entgegenrecken, weiß man nicht.

Die Felsfestung Sigiriya ist von Gärten umgeben. Erst wohnte hier der König. Später war das Ganze ein Kloster, dann fünfhundert Jahre lang in Vergessenheit geraten. Kasun jagt uns so früh aus dem Bett, dass wir um sieben Uhr zur Öffnungszeit dort sind. Eine weise Entscheidung: Als wir von der Besichtigung zurückkehren, steht eine Riesenschlange im Eingangsbereich.

3. KANDY

Bevor wird in der Stadt ausgesetzt werden, gibt Kasun Tipps zum Einkaufen: Handeln und den Händler kommen lassen – „Es ist wie fischen. Lass den Fisch den Job machen.“ Kandy liegt von Hügeln umgeben auf 528 Metern Höhe an einem See. Aber so idyllisch, wie es wirkt, war das Leben wohl nicht immer. Ein Friedhof aus der englischen Kolonialzeit zeigt, dass die meisten Menschen damals jung gestorben sind. Ein alter Mann kennt die Geschichte jedes Verblichenen. Einer ist von einem Elefanten totgetrampelt worden, ein anderer ließ sein Leben beim Versuch, einem Elefanten davonzulaufen – Hitzschlag. Sehr sinnig finde ich die Inschrift auf einem Grabstein (Rechtschreibfehler inklusive): „Man appoints but god can disapoint“.

In Kandy befindet sich das größte Heiligtum in Sri Lanka, der Zahntempel. Die Reliquie von Buddha wird in einem Schrein im ersten Stock ausgestellt. Es herrscht großer Andrang. Im Erdgeschoss ertönt wilde Musik von einem Trommler und und einem Flötisten, der wie ein Schlangenbeschwörer spielt. Einmal im Jahr findet eine Prozession statt, bei der ein Elefant den Schrein abwechselnd zu einem der beiden benachbarten Tempeln trägt.

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Im Hochland:
Wandern und Tee trinken

Auf Sri Lanka gedeihen 101 Reis- und 48 Bananensorten. Die Briten fingen an, dort Kaffee anzubauen, aber Moskitos liebten die Büsche und brachten Malaria auf die Insel. Deshalb stieg man auf Tee um. Heute befindet sich der größte Teemarkt der Welt in Colombo. In Kandy besichtigen wir die Teefabrik Geragama, die 1903 gebaut wurde und nur schwarzen Tee produziert. Die frisch gepflückten Blätter werden zunächst 24 Stunden ausgebreitet, anschließend mehrmals in einem Kessel mit wachsendem Druck gerollt und geschüttelt. Dabei sortieren sich verschieden große Teile bis hin zum Dust (Staub), der schlechtesten Qualität, heraus. Es folgen Fermentation und Oxidation. Der Abfall dient als Dünger. Grüner Tee kommt vom selben Strauch, wird nur nicht fermentiert. Nach der Führung machen wir eine Teeprobe mit Orange Pekoe. Statt Zucker gibts dazu Palmsirup, den man nicht hineintut, sondern vorher lutscht.

Als im Hochland die Teeplantagen angelegt wurden, weigerten sich die Singhalesen, dort zu arbeiten. Also holten die Briten arme Tamilen aus Südindien ins Land. Sie liefen von der Küste zu Fuß, wobei zwei Drittel unterwegs starben. Die Tamilen im Norden schauen auf die im Hochland hinab, weil sie einer niedrigen Kaste angehören. In den Bergen begeben wir uns auf eine zweitägige Wanderung durch die Plantagen. Es sind Kooperativen. Männer pflegen die Sträucher, Frauen pflücken den Tee. Arbeitsbeginn ist um 7.30 Uhr, 10.30 Teepause, 14.00 Mittagessen, 16.30 Feierabend. Sie verdienen 1000 Sri-Lanka-Rupien pro Tag (ca. 6 Euro) und gehen mit 55 Jahren in Rente. Einmal kommen wir durch eine organische Teeplantage mit männlichen Pflückern. Auch wir machen jeden Morgen eine Teepause mitten in einer Plantage.

Startpunkt unserer Wanderung ist die kleine Bahnstation Idalgashinna. Es hat die ganze Nacht durchgeschüttet. Wolken liegen wie Wattebäuschchen über den Tälern. An einem Baum vollführt unser lokaler Guide Raj ein hinduistisches Ritual. Jeder bekommt einen roten Punkt auf die Stirn. Es ist ein drittes Auge, das Schutz bieten soll, z. B. vor den Wildschweinen, die in den Wäldern leben. Erstmal gehts bergauf. Es bieten sich immer wieder tolle Aussichten. Der höchste Punkt ist ein Pass auf fast 2000 Metern. Insgesamt laufen wir an sieben Dörfern vorbei. In Udaweriya übernachten wir im Gästehaus „Misty Mount Lodge”. Der Name ist sehr passend: Vom Garten aus sieht man den Nebel aufsteigen und wieder runtergehen. Die Unterkunft ist einfach. In unserem Zimmer stehen fünf Betten nebeneinander, sonst nichts. Den geräumigen Aufenthaltsraum haben wir für uns, es gibt keine anderen Gäste. Abends holen die Guides zwei Bongotrommeln heraus. Alle singen und tanzen.

Am nächsten Morgen brechen wir zum zweiten Teil der Wanderung auf. Zunächst ist es sonnig, dann fängt es an zu regnen, wieder Sonne, erneut ein heftiger Guss. Eine Mitreisende hat sich aus der Plastiktüte für Schmutzwäsche, die im letzten Hotel auslag, ein Rucksack-Cover gebastelt. Ich verschwinde samt Tagesgepäck unter meinem riesigen orangeroten Regencape. Von weitem sehe ich repektabel aus (dieselbe Farbe tragen viele buddhistische Mönche), von der Seite mehr wie ein Huhn. Endpunkt der Wanderung ist der Bambarakanda Wasserfall, der mit 241 Metern der höchste in Sri Lanka und Nr. 65 in der Welt ist. Nach dem Mittagessen bringt uns der Minibus zurück ins Hotel nach Bandarawela. Die Kurven auf der Straße sind so eng, dass der Fahrer manchmal zurücksetzen muss. An den Steilhängen sieht man die Folgen von Abholzungen und Einführung fremder Baumarten wie Eukalyptus und Kiefer: in der Regenzeit Erdrutsche, in der Trockenzeit Buschfeuer. Am nächsten Tag besichtigen wir im Touristenort Ella einen weiteren Wasserfall. Dann gehts bergab – zur Küste.

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Die Küste: Meeresschildkröten
und Mensch am Spieß

Als wir den Küstenort Mirissa erreichen, springen wir erst einmal ins Meer. Unser Hotel „Silanmo” ist nur von der stark befahrenen Straße vom Strand getrennt und liegt schön am Hang. Nach dem Essen gehts in eine der zahlreichen Strandbars. Jeden Abend fungiert eine andere als Disco, was mit einer weithin sichtbaren Lichtshow markiert wird. Eine riesige Meeresschildkröte kommt aus dem Wasser, um mitten im Getümmel ihre Eier abzulegen. Am nächsten Morgen will ich unbedingt die Blauwale sehen, die hier vor der Küste leben. Dummerweise versagt der Wecker und freiwillig wird mein Körper nicht rechtzeitig zur Abfahrt um 5.45 Uhr wach. Zum Trost gehe ich mit Schildkröten schnorcheln (s. Film) und gönne mir dann eine einstündige Deep-Tissue-Ganzkörpermassage im „Secret Root Spa“, das in einem verträumten Garten abseits der Straße liegt.

Der Weg zur Stadt Galle ist nicht weit und führt an der Küste entlang. Bei den berühmten Stelzenfischern halten wir kurz. Heute posieren sie allerdings nur noch für die Touristen und baden einen gefangen Fisch ein paar Mal, bevor sie die Angel wieder auswerfen. Einer füttert die Krabben, die zwischen den Felsen herumwieseln. Ich frage mich, warum die Männer auf Baumstämmen hocken und sich aus dem Holz nicht eine bequemere Plattform bauen. Für Haie muss das Ganze wirken wie Mensch am Spieß. Fischer-Kebab. Wahrscheinlich schmeißen sie schon den Grill an.

Galle war mal portugiesisch, holländisch und englisch. Die komplett erhaltene Altstadt ist von einem Fort umgeben. Nicht einmal der verheerende Tsunami von 2004 konnte dessen dicken Mauern und dem Wall, auf dem man rundherum laufen kann, etwas anhaben. Am Straßenrand stehen Oldtimer. Unser „Frangipani Motel” ist wie die Nachbarhäuser ein sehr hübscher Kolonialbau. Nur die Mickymaus-Vorhänge vor dem Zimmerfenster passen nicht ganz ins Bild.

Die Reise endet in der Hauptstadt Colombo. Die kann zwar mit spektakulären Orten wie Havanna oder Sydney nicht mithalten, hat aber durchaus einige interessante Gebäude zu bieten: Das Opernhaus beispielsweise hat die Form einer Lotusblüte. Das Rathaus ähnelt dem weißen Haus. Daneben befindet sich ein schöner Park, in dem eine prächtig geschmückte Braut für einen Fotografen posiert. Etwas makaber: das „World Trade Center“, ein Hochhaus mit Zwillingstürmen. Unser Hotel „Zmax Fairway“ ist nagelneu und liegt zentral im Fort-Distrikt gegenüber vom alten Dutch Hospital, wo im Innenhof abends live eine Band spielt. Gut, dass ich im Hotel nicht mehr schlafen muss, weil mein Flug schon so früh am nächsten Morgen geht. Die Bässe der umliegenden Bars und Clubs wummern in mein Zimmer.

Am Nachmittag laufe ich mit meiner Mitreisenden Olivia zum örtlichen Strand, der winzig, aber dafür umso voller ist. Badebekleidung wird überbewertet: Die Menschen gehen einfach so ins Wasser – die Schulkinder mit ihren strahlend weißen Uniformen, die Lehrerinnen mit eleganten Saris, eine Muslima im schwarzen Gewand samt Schleier. Unterwegs werden wir immer wieder von Tuk-Tuk-Fahrern angesprochen, die trotz höflicher Ablehnung ihrer Dienste hartnäckig im Schritttempo neben uns herfahren, um unsere Meinung zu ändern. Auffällig gut gekleidete Herren machen erst etwas Smalltalk und erzählen dann von einem einmalig günstigen Sale („Nein danke, ich kaufe lieber teuer“), einer Ausstellung („Nein danke, ich hasse Kunst“) und einer Elefantenzeremonie („Nein danke, ich bin allergisch gegen Elefanten“). Ein Paar aus unserer Gruppe wird zum Geburtstag eines fünfjährigen Mädchens eingeladen. Wahrscheinlich findet all das im selben schäbigen Shop statt, den kein Tourist freiwillig betreten würde…

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Elefantös und affig

Auf Sri Lanka gibt es noch viele wilde Elefanten. Da die Insel dicht besiedelt ist, kommt es oft zu Konflikten mit Dorfbewohnern. In den letzten 15 Jahren hat das fast 2000 Elefanten und 836 Menschen das Leben gekostet. Am besten kann man die grauen Riesen in den Nationalparks beobachten: Im Minneriya NP sehen wir gleich zwei Herden. Auch im Udawalawe NP grasen direkt neben der Straße zwei Dickhäuter. Ein Elektrozaun hält sie von der Fahrbahn fern. Verwaiste oder verletzte Tiere werden im benachbarten Elephant Transit Home aufgezogen und später wieder ausgewildert. Bei dem kleinen Elefanten, der eine Beinprothese trägt, ist das allerdings nicht möglich. Um 12.00 Uhr kriegen alle ihr Futter. Erst Milch, dann Blätter. Sie kommen mit wippenden Ohren angerannt (s. Film). Einige nehmen nachher noch ein Bad, obwohl es ohnehin wie aus Kannen schüttet. Das Zentrum wird von der Regierung geleitet. Dazu gehört ein Museum mit interessanten Elefantenfakten wie: „Babys trinken bis zu 11,4 Liter Milch täglich und lutschen an ihren Rüsseln wie Menschenkinder am Daumen.“

Allgegenwärtig sind Affen verschiedener Arten, von denen die meisten ziemlich seltsame Frisuren haben. Denen ist nichts heilig: weder die archäologischen Stätten, noch die Tempel. In Dambulla beispielsweise hat man zur Abschreckung das obere Ende des Zauns unter Strom gesetzt. Also quetschen sie sich durch die quadratischen Maschen darunter und schaffen es sogar in einen verschlossenen Papierkorb. Einige Exemplare trinken aus einem Wasserhahn. Sie können ihn auf- und zudrehen. In Kandy lauern die Biester im ehemaligen königlichen Garten, dem Udawattakele Royal Forest Park, schon am Eingang auf Touristen. In den Hotels warnen Schilder vor ihren Langfingern. In Mirissa taucht die Affenbande morgens auf dem riesigen Balkon auf (s. Film). Ich kann gerade noch die Tür schließen, da hat der Erste schon die Pfoten an der Scheibe.

Das Nationaltier von Sri Lanka ist allerdings weder ein Elefant, noch ein Affe, sondern das Riesenhörnchen. Daneben sehe ich viele gestreifte Palmenhörnchen. Eins trinkt in einem Tempel respektlos aus einer Opferschale. In Polonnaruwa beobachte ich im Hotelpool erstmals einen schwimmenden Gecko. Die Klebefüßchen tragen ihn über das Wasser und der Schwanz rudert.

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Ayurveda und Curry

Bei reichen Städtern ist es heute ein Statussymbol, bei Krankheiten in eine Privatklinik zu gehen. Unser Guide Kasun jedoch sucht lieber einen Ayurveda-Arzt auf. Es gibt drei Elemente im Körper, erklärt Kasun. Geraten die aus dem Gleichgewicht, wird man krank. Ziel ist also, alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Erst gibt der Doktor ein Medikament, das die Krankheit verstärkt, dann eins, um sie zu kontrollieren, dann eins, um sie an der Wurzel auszurotten. Die traditionelle Medizin Sri Lankas ist keine Hexerei, sondern arbeitet vor allem mit Heilpflanzen. In einem Gewürzgarten erfahren wir etwas über die Einsatzmöglichkeiten von Zimt, Sandelholz, Muskatnuss, Aloe Vera & Co.

Zum Glück dienen die Gewürze nicht nur als Heilmittel, sondern peppen auch das Essen auf. In Bandarawela zeigt uns eine Frau in einem Privathaus, wie sie kocht. Zuerst setzt sie braunen Reis auf und segnet ihn. Die Singhalesen haben großen Respekt vor den Nahrungsmitteln, deshalb findet man in Sri Lanka auch kein Street Food. Schließlich bereitet die Herrin des Hauses verschiedene Currys zu: Huhn, Fisch, Kartoffeln, Aubergine und zwei Gemüsesorten, die ich noch nie gesehen habe. Alle Zutaten sind frisch. Sogar die Kokosmilch stammt nicht aus der Dose, sondern wird mühsam einer Kokosnuss abgerungen: Wir helfen dabei, das weiße Fruchtfleisch von der Schale zu raspeln und auszupressen. Die Flocken werden mit Chili zu Sombol verarbeitet. Bei den Currys kommt (anders als bei der Koch-Demonstration auf Borneo) keine fertige Paste zum Einsatz, sondern zig verschiedene Gewürze werden jeweils zusammengemischt. Immer mit dabei sind etwas Tamarind, das Bakterien abtötet, und Curryblätter. Es duftet fantastisch. Auch in den Restaurants essen wir oft ebenso günstig wie gut. Mein Lieblingsgericht heißt „Chop Chop“ (manchmal „Kottu“ genannt). Es besteht aus kleingehackten Roti-Fladen, Gemüse und Ei. Die Zubereitung ist, wie der Name schon andeutet, ohrenbetäubend. Üblicherweise essen die Einheimischen mit den Fingern der linken Hand. Dabei darf der Reis nicht über die mittleren Gelenke kommen, lernen schon die Kinder. Das Essen ist oft nur lauwarm. Klar: Keiner will sich die Finger verbrennen.

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Bahn, Bus und TukTuks

Den größten Teil der Strecke reisen wir in einem privaten Minibus. Zwei Teilstücke allerdings legen wir mit dem Zug zurück. „Bereits im Jahr 1867 fauchten die ersten Dampfrosse von Colombo ins Hochland (…). Noch heute lässt die Trasse die Herzen aller Eisenbahnfans höher schlagen“, schwärmt mein Merian-Reiseführer. Wir fahren in sechs Stunden von Kandy nach Bandarawela. Zunächst gehts durch Ortschaften, dann windet sich die eingleisige Strecke durch Teeplantagen und Bergregenwald. Die gefederten Waggons schaukeln sanft hin und her. Es regnet leicht. Die Türen lassen sich während der Fahrt problemlos öffnen. Überall gucken Fahrgäste heraus. Kaum weniger berühmt ist die Bahnstrecke von Galle nach Colombo, die z.T. direkt am Meer entlangführt. Leute im Gleis? Das ist hier kein Thema: An einigen Stellen benutzen die Anwohner einen Abwasserkanal neben dem Gleis als Bürgersteig. Diesmal sind die Waggons ziemlich alt. Die Klimaanlage besteht aus einer Batterie Ventilatoren an der Decke, die nicht funktionieren. Dafür sind die Fenster offen. Der Zug hat in der Regel eine halbe Stunde Verspätung. An diesem Tag ist er pünktlich. So ist müssen wir auf unseren Minibus warten.

Ein Erlebnis sind auch unsere beiden Fahrten mit Linienbussen von Anaradhapura nach Polonnaruwa und von dort weiter nach Dambulla. Der erste Bus hat Spitzendeckchen mit Plastiküberzug auf den Sitzen, im Hintergrund läuft ein Radiosender mit bollywoodartiger Musik. Außerhalb der Städte dreht der Fahrer richtig auf und scheucht alle anderen mit der Hupe vor sich her. Kurven nimmt er so sportlich, dass wir fast von den sehr schmalen Sitzen rutschen. Der zweite Bus hat keine Spitzendeckchen, aber dafür ein noch kräftigeres Soundsystem, das locker den ratternden Motor übertönt.

Wer den Hauch des Todes spüren möchte, sollte in ein TukTuk steigen. In Kandy bringen drei der Höllenmaschinen die Gruppe vom Abendessen zurück ins Hotel, das oben am Berg liegt. Dabei liefern sich die Fahrer ein Wettrennen. In Colombo gibt unser Chauffeur auf dem Rückweg vom Restaurant trotz des irren Verkehrs Vollgas und nagelt zentimetergenau an den anderen TukTuks vorbei.

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HOME, SWEET HOME

LESOTHO 🇱🇸 

Reiseroute 2016

SÜDAFRIKA 🇿🇦 – SWASILAND 🇸🇿 – SÜDAFRIKA 🇿🇦 – MOSAMBIK 🇲🇿 – SÜDAFRIKA 🇿🇦 – Mafika-LisiuSÜDAFRIKA 🇿🇦 – MalealeaSÜDAFRIKA 🇿🇦 

Über die Berge durch
die Tore zum Paradies

Bevor wir zwei Nächte in Malealea verbringen, machen wir von den südafrikanischen Drakensbergen aus einen Tagesausflug in den äußersten Norden Lesothos, wo die Bergkette Maloti heißt. Dafür müssen wir über den ca. 2200 Meter hohen Monantsa Pass. Die schmale, gewundene Straße wird gerade erweitert. Der Fahrer rumpelt über halbverlegtes Pflaster zwischen den Bauarbeitern hindurch. Sie tragen Decken um die Schultern. Es schneit! Die Grenzstation ist winzig und besteht nur aus einem Container. Dahinter liegt das Dorf Mafika-Lisiu, das etwa 1000 Einwohner hat. Ähnlich wie im Zululand stehen auch hier viele traditionelle Rundhütten für Zeremonien mit den Geistern der Ahnen. Der stellvertretende Direktor der Grundschule begrüßt uns und erklärt, dass diese Bildungseinrichtung von der Gemeinde organisiert wird und kostenlos ist. Später hingegen müssen die Kinder zwei Stunden zur Highschool laufen. Das kostet Geld, was sich weniger als 45 Prozent der Bewohner leisten können. Erst wenn es ein Kind ins Collage schafft, gibts Unterstützung von der Regierung. Die Macht in Lesotho hat übrigens der Premierminister. Es gibt auch einen König der aber nichts zu sagen hat.

Zuerst klettern wir einen Hang hinauf zu einer Höhle mit Malereien der San, der Ureinwohner Afrikas, deren Zeichnungen ich bereits in Namibia gesehen habe. Wieder unten im Dorf halten wir an einem Haus, das eine weiße Fahne herausgehängt hat. Das heißt nicht etwa, dass die Bewohner kapitulieren: Sie haben Bier aus Maismehl hergestellt. „Noa“ heißt „Prost“ auf Sesotho, der Nationalsprache. Das Gebräu ist etwas säuerlich, aber man gewöhnt sich daran. Dann kommen wir an der winzigen Polizeidienststelle vorbei. „Gibt es hier viele Verbrechen“, frage ich. „Oh ja“, antwortet der Guide. Hier werden Marihuana („Mountain Cabbage“), Ziegen und Schafe nach Südafrika geschmuggelt.

Anschließend besuchen wir einen traditionellen Heiler. Er erzählt uns, dass seine Ausbildung ein Jahr gedauert hat. Zum Schluss wurde eine Ziege geschlachtet, deren Blut er er aus der Kehle getrunken hat, während sie noch lebte. Er ist ein Sangoma, sagt auch die Zukunft voraus. Aber nicht sehr spezifisch. Tiere heilt er nicht, denn im Gegensatz zu Menschen hätten sie keine Ahnen. Er betreibt auch keine Hexerei. Denn wenn er Menschen Schaden zufügte, würden die Vorfahren ihn bestrafen. Wenn der Sangoma etwas nicht heilen kann (z. B. Diabetes, Aids, Krebs), schickt er die Patienten weiter zu einem westlichen Arzt. Am letzten Stop lernen wir das typische Essen kennen: Morgens, mittags und abends gibt es Pap (Maisbrei). Wir bekommen eine Probe mit spinatartigem Gemüse. Vor dem Haus flämmt eine Frau gerade die Haare von einem Ziegenkopf ab. Eigentlich gibt es Fleisch nur zu besonderen Gelegenheiten, aber ein Schakal hatte das Tier getötet.

 

 

Auf der Rückfahrt nach Südafrika überqueren wir wieder die Grenze und bekommen noch zwei Stempel in den Pass. Am nächsten Morgen umrunden wir Lesotho und durchqueren eine dramatisch schöne Landschaft mit grasbewachsenen Hochebenen, Staudämmen und einem Blick auf die Berge, aus denen Nebel aufsteigt. Wir fahren durch den Golden Gate Nationalpark. Am Straßenrand tummeln sich Paviane. Die rötlichen Berge erinnern etwas an Arizona. In Ladybrand kaufen wir nochmal ein, bevor wir von Westen in Maseru Bridge wieder nach Lesotho einreisen. Der Grenzübergang ist erheblich größer, als der vom Vortag. Schließlich ist Maseru die Hauptstadt. Dann holpern wie über den 2001 Meter hohen Gates of Paradise Pass bis nach Malealea, wo wir in der gleichnamigen Lodge übernachten. Angesichts der Straßenverhältnisse fragt man sich, wie wohl der in der Nähe gelegene God Help Me Pass aussieht.

Eine traumhafte Wanderung

Die Malealea Lodge hat einen herrlichen Garten, in dem u.a. eine Pfauenfamilie herumspaziert. Gegründet wurde sie von Südafrikanern aus Bloemfontain, die sie inzwischen in der dritten Generation führen. Das umgebende Dorf wird mit einbezogen. Jeden Abend treten Bands und Chöre aus der Umgebung auf. Einheimische Guides veranstalten Village Walks und Wanderungen. Mit zwei Mitreisenden nehme ich das Angebot an und ziehe mit Emmanuel los. Kurz nach neun Uhr brechen wir auf. Unterwegs begegnen uns immer wieder Hirten mit Ziegen, Schafen und Kühen. Die meisten tragen die traditionellen Decken oder zumindest Wollmützen. Dabei hatte das Wetter endlich ein Einsehen: Strahlend blauer Himmel, die Sonne scheint angenehm warm. Nur wo der Wind hinkommt, ist es etwas kühler. Überall blühen die Wildblumen. Erst geht es über eine ca. 1800 Meter gelegene Hochebene, dann 120 Meter tief hinunter in die Pitseng Gorge. Durch die Schlucht laufen wir zu Felsenpools. Das Wasser ist eisig. Trotzdem hüpfen wir drei Wanderer ganz kurz hinein und machen ein Selfie.

Anschließend kraxeln wir steil bergauf aus der Schlucht heraus über eine Hochebene zu weiteren Felszeichnungen der San, zu denen man wieder herabklettern muss. Die Malereien sind meist ziemlich niedrig angebracht, weil die Buschmänner so klein waren. Sie sind ziemlich verblasst. Es gibt drei, von denen die dritte schwer zugänglich ist. Die anderen beiden sind ca. 800 und 900 Jahre alt, wobei die Zeichentechnik 27.000 Jahre zurückgeht. Dargestellt werden vor allem Tiere, aber auch Tänzer und Jäger. Besonders fällt eine Figur auf, deren Penis mit einem Balken bedeckt ist. Das bezog sich wohl darauf, dass es einem neuem Jäger nicht erlaubt war, dem ersten Tier, das er mit einem vergifteten Pfeil getroffen hatte, zu folgen. Während die anderen dem Tier auf der Spur blieben und auf seinen Tod warteten, musste er im Camp bleiben. Da die Buschmänner an eine besondere Beziehung zwischen dem neuen Jäger und seiner ersten Beute glaubten, durfte er nicht urinieren – das Tier hätte dasselbe getan und das Gift aus dem Körper gespült. Kurz vor den Felszeichnungen erleben wir eine Überraschung: Ein Chor aus 36 Kindern singt in einer Höhle für die Besucher. Sie stammen aus den umliegenden Dörfern und haben gerade Schulferien.

 

 

In einem Bogen geht es leicht bergauf zurück zum Dorf Makhomalong, das wir am Ende der Wanderung besichtigen. Es ist eins von 14 Dörfern, die zur Region Malealea gehören, und hat ca. 800 Einwohner. Am Rand liegt der Friedhof. In Lesotho werden die Toten nicht verbrannt, sondern begraben. Auf vielen Gräbern sind Kreuze, denn die meisten Bewohner sind Christen. Einige sind richtig alt geworden. „Wir haben auch eine 95-jährige Frau im Dorf“, sagt Emmanuel. Anschließend kommen wir am Haus des „Chiefs“ vorbei. Das Dorfoberhaupt wacht u. a. über das freie Land, das keinem gehört. Will jemand darauf ein Häuschen bauen, kann er es sich zuteilen lassen. Außerdem kümmert sich der Chief um die Ärmsten der Armen und gibt ihnen zu essen. In dieses Amt wird man nicht gewählt, es wird vererbt. Zurzeit hat es eine Frau inne, die die Stellung für ihren Sohn hält. Der kann erst Chief werden, wenn er 30 Jahre alt ist. Weiter gehts zum „Craftcenter“, einem kleinen Shop mit Kunsthandwerk und Souvenirs, die von Aidswaisen (Lesotho hat nach Swasiland die zweithöchste HIV-Rate der Welt) gefertigt wurden.

Viele Häuser haben stachelige Agaven und Kakteen als Zäune. Die Agaven liefern gleichzeitig Hautcreme und Medizin, die Kakteen essbare Früchte. Zum Abschluss betreten wir eine Hütte, vor der eine gelbe Flagge weht. Weiß bedeutet „Hier gibts Bier aus Maismehl“ und Rot weist auf Lebensmittel hin – das wissen wir ja schon von unserem Besuch in Mafika-Lisiu. Aber Gelb? Wir landen in einem „Pub“, das zweiprozentiges Hopfenbier verkauft. Wenn das selbstgebraute Gesöff alle ist, wird die Flagge umgelegt. Kurz nach 17 Uhr sind wir wieder in der Lodge. Meine Health App auf dem Handy zeigt für diesen Tag 24.984 Schritte an. Erstmal ein Savanna (bester Cider der Welt), dann eine Dusche!

 

 

Am nächsten Tag verlassen wir Lesotho durch den Grenzübergang Van Rooyens Gate und nehmen Kurs auf die Wild Coast. „Go in peace“, verabschiedet uns ein Schild aus dem Königreich.

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HOME, SWEET HOME

MOSAMBIK 🇲🇿 

Reiseroute 2016

SÜDAFRIKA 🇿🇦 – SWASILAND 🇸🇿 – SÜDAFRIKA 🇿🇦 – Ponta Malongane – SÜDAFRIKA 🇿🇦 – LESOTHO 🇱🇸 – SÜDAFRIKA 🇿🇦 

Kalter Regen –
Sylt lässt grüßen

Von Swasiland fahren wir ein kurzes Stück durch Südafrika zur Grenze nach Mosambik. Das letzte Stück zum Campingplatz in Ponta Malogane müssen wir mit Vierradantrieb zurücklegen, weil die „Straße“ durch tiefen Sand führt. Der Fahrer legt in dem offenen Jeep ein erstaunliches Tempo vor.

Der Campingplatz befindet sich direkt am Meer und ist dicht mit Bäumen bewachsen. Die streunenden Hunde am Strand schließen sich uns an. Einer schläft später im Kreis der Zelte. Abends gehen wir im nahen Dorf essen. Das Restaurant „Amigo’s“ ist gut und zum Glück teilweise überdacht. Kaum haben wir bestellt, bricht ein Gewitter los. Der Besitzer hört einen Mitreisenden und mich deutsch miteinander reden und spricht uns an. Er stammt aus Südafrika und hat deutsche Eltern. Nachher gehen wir nebenan in die Bar „The Drunken Clam“.

Endlich haben wir einen ganzen Tag zur Verfügung und müssen nicht frühmorgens wieder die Zelte abbrechen. Leider macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Es ist kühl und bewölkt. Wenigstens hat der Regen vom Vortag aufgehört. Trotzdem findet sich niemand, der außer mir mit dem Boot zur Walbeobachtung und zum Schwimmen mit Delfinen herausfahren will. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut! Notgedrungen schnorchele ich direkt vom Strand aus an ein paar Steinen. Ein riesiger Papageifisch zeigt sich, dann bin ich mitten in einem Schwarm schlanker silberner Fische. Das Wasser ist mit 23 Grad etwas kühler als erwartet, jedoch durchaus noch erträglich. Anschließend setze ich mich warm verpackt an den Strand. Erst am Nachmittag reißt die Wolkendecke etwas auf. Es fühlt sich mehr nach Sylt an, als nach Subtropen.

 

 

Am nächsten Morgen gehts zurück über die Sandpiste Richtung Südafrika. Der Fahrer will offenbar die Zeit unterbieten, die sein Kollege auf der Hinfahrt geschafft hat, scheitert aber. Wieder warten an einem Feld zwei Hunde, die uns bellend begleiten. An der Grenze ist diesmal eine lange Schlange. Andere Leute haben wohl auch genug vom miesen Wetter. Wenn ich bedenke, dass ich für den Mini-Aufenthalt in Mosambik im Vorfeld ein Visum beantragen und meinen Pass nach Berlin schicken musste, denke ich: „Das war viel Aufwand für sehr wenig.“

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SWASILAND 🇸🇿 

Reiseroute 2016

SÜDAFRIKA 🇿🇦 – Hlane NationalparkSÜDAFRIKA 🇿🇦 – MOSAMBIK 🇲🇿 – SÜDAFRIKA 🇿🇦 – LESOTHO 🇱🇸 – SÜDAFRIKA 🇿🇦 

13 Königinnen bringen kein Unglück

In Mananga überqueren wir die Grenze nach Swasiland. Der kleine Binnenstaat hat nur knapp 1,5 Millionen Einwohner. Er liegt zwischen Südafrika und Mosambik und ist eine der letzten absoluten Monarchien auf der Welt. Natürlich hängt das Bild von König Mswati III. im Büro des Grenzübergangs an der Wand, ebenso wie das seiner Mutter. Zur Zeit gibt es 13 Königinnen. Immer wieder heiratet der Herrscher weitere Frauen, die er auf einem Tanzfestival auswählt. Am Eingang der Immigration steht eine Box mit kostenlosen Kondomen: „Love safely“. Es geht sehr entspannt zu. Das Personal scherzt und zieht handgeschriebene Zettel mit Fremdsprachen zu Rate. „Guten Tag“, begrüßt mich der Beamte, der ohne viel Aufhebens meinen Pass stempelt. Im Gegenzug lerne ich gleich etwas siSwati: “nitumanga“ (ich liebe dich).

„Wenn ich sage rennt,
dann rennt“

Die Fahrt geht zunächst durch sanfte Hügel zwischen saftig grünen Feldern hindurch. Sieht nicht übermäßig exotisch aus. Zum Hlane Nationalpark hin wird es trockener. Dort liegt unser Campingplatz „Ndlovu“ (Elefant). Am Eingang sind Schlingen ausgestellt, mit denen Bewohner der umgebenden Dörfer verbotenerweise wildern wollten. Als wir Mittags ankommen, ist es sehr heiß. Schatten gibt es kaum, weil die kleinen Bäume nur wenige Blätter haben. Hinter dem Restaurant befindet sich ein Wasserloch, das lediglich mit einer Doppelreihe Stacheldraht abgetrennt ist. Ob das im Ernstfall ein unhappy Hippo abhält? Antilopen können ohnehin hindurchschlüpfen.

Direkt vom Campingplatz starten einige von uns mit zwei Rangern zu einem Bushwalk. Zuvor müssen wir eine Erklärung unterschreiben, dass wir keinen verklagen, wenn wir vom Löwen gefressen oder vom Elefanten plattgemacht werden. Außerdem bekommen wir Tipps für die Begegnung mit Raubkatzen: Einem Löwen nie den Rücken zudrehen und direkt in die Augen schauen. Einem Leoparden hingegen nie in die Augen schauen. „Und wenn ich sage rennt, dann rennt und macht nicht erst Fotos“, sagt Ranger Mavela. Später erzählt er uns von der Geschichte Swasilands, das seine Unabhängigkeit 1968 durch Verhandlungen gewann: „Wir kämpfen nicht gern.“

Es gibt wegen der Elefanten im Park viele tote Bäume. Dazwischen grasen Impalas mit schwarzen Streifen am Hintern, die ein „M“ formen. „Mac Donald’s für Löwen“, meint Mavela. Die „Big Five“ sehen wir aus unserem Spaziergang nicht, dafür u.a. einen rückwärts laufenden Käfer, der Ameisen fängt und stirbt, wenn er sich paart. Es ist ein „antlion“ , einer der „Small Five“. Die anderen sind „buffalo weaver“, „leopard tortoise“, „elephant screw“ und „rhino beetle“. Daneben gibt es noch die „Ugly Five“: Marabu, Gnu, Hyäne, Geier und Warzenschwein. Mavela würde allerdings lieber statt der Gnus lieber Paviane in die Liste aufnehmen.

Abends tanzt das Personal für die Gäste des Campingplatzes, begleitet von vielstimmigem Gesang und drei Trommeln. Am Ende werden wir aufgefordert, mitzutanzen. Der Grundschritt ist einfach: eins, zwei, linkes Bein hochwerfen, eins, zwei, rechtes Bein hochwerfen. Aber in dem lockeren Staub ist das anstrengend. Ich frage meine Nachbarin, wovon das Lied handelt: „Bend the Pig“, antwortet sie. Unser Fahrer Gordon ergänzt, dass es um ein Warzenschwein am Spieß geht, das gedreht werden muss. Ein anderer Song heißt „Ich vermisse meine Mutter“.

Die Nacht ist unruhig: Erst ist mir heiß, dann kalt, dann wieder heiß. Verdächtig nah brüllen Löwen. Dann muss ich auf die Toilette und checke das Wasserloch. Nichts. Ohnehin klingelt mein Wecker um 5:30 Uhr. Bereits um 5:07 weckt mich ein Donnerschlag, dem ein heftiges Gewitter folgt.

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PANAMA 🇵🇦 

Reiseroute 2016

KUBA 🇨🇺 – COSTA RICA 🇨🇷 – Isla BastimentosBoqueteSanta CatalinaPanama City

Oh wie schön ist Panama!

Janosch hat Recht: Panama ist wirklich schön! Wie Costa Rica bietet das relativ kleine Land die Küsten zweier Ozeane mit Hochland dazwischen. Touristisch ist es noch nicht so erschlossen und sehr ursprünglich. Von Puerto Viejo de Talamanca in Costa Rica fahren wir mit einem Minivan durch endlose Bananenplantagen (Chiquita, vormals United Fruit Company) weiter an der Karibikküste entlang nach Sixaola an der Grenze zu Panama, die von einem Fluss gebildet wird. Zu Fuß gehts über eine Brücke nach Guabito. Dort wartet ein anderer Van, der uns nach Almirante bringt. Mit einer Fähre setzen wir zur Isla Bastimentos im Bocas del Toro Archipel über. Das Boot legt direkt an der Veranda unseres Hotels „Carribean View“ an. Der Hauptort der Insel (3000 Einwohner) ist übersichtlich. Es gibt nur eine Straße, keine Autos, nicht einmal Fahrräder. Zu den meisten Stränden kommt man nur per Boot.

So erkunde ich den Achipel vom Wasser aus. Am ersten Abend machen wir einen Abstecher nach Bocas Town auf der benachbarten Hauptinsel. Dort befindet sich auch der postkartenmäßige Starfish Beach, der seinem Namen alle Ehre macht. Überall liegen große orangene und gelbe Seesterne im Sand. Die Delphine in der Dolphin Bay zeigen sich leider nur kurz. Wunderschön sind die Isla Zapatilla Norte im Nationalpark östlich der Isla Bastimentos und der Felsen Bird Island nördlich der Hauptinsel, wo Weißbauchtölpel, Rotschnabel-Tropikvögel, Prachtfregattvögel und Braunpelikane leben. Eine besondere Vogelbegegnung haben wir in einem Hotel am Ostende der Isla Bastimentos. Am Ende des Steges hocken zwei rote Aras am Weg, die miteinander schmusen. Dann hüpfen sie hinter eine kleine Hütte und gucken neugierig um die Ecke. Als eine Mitreisende einen Schritt auf die Papageien zugeht, um ein Foto zu machen, schnellt einer hervor und hackt ihr ohne Vorwarnung in den Fuß. Kurz darauf greift er einen Mann an, der an ihm vorbeilaufen will. Später erfahren wir, dass er als gefiederter Wachhund berühmt-berüchtigt ist. Ein echtes Übel-Geflügel! Direkt bei dem Hotel kann man in den Mangroven schnorcheln. In der Nähe befindet sich ein Unterwasser-Garten mit einer unglaublich bunten Vielfalt an Korallen.

Weiter gehts von Almirante aus mit einem Minibus Richtung Süden. Die kurvige Straße windet sich in die Berge, ein Faultier kriecht über die Fahrbahn. Der Kühler des ältlichen Wagens beginnt zu kochen. Nach einer Verschnaufpause schafft er es doch noch über den Pass. In der Kleinstadt Boquete müssen wir in einen Jeep umsteigen, der uns zum „Tree Trek Mountain Resort“ bringt, das auf knapp 1700 Metern Höhe in einer Kaffeplantage liegt. Im Garten umschwirren winzige Kolibris riesige Blüten. Erst bekomme ich ein Zimmer mit Blick auf den Parkplatz. Enttäuscht frage ich in der Rezeption, ob ich nicht wie die anderen eins auf der anderen Seite mit Blick auf die Berge bekommen kann. Das ist nicht verfügbar, dafür bekomme ich eine Hütte namens „Geisha“ (eine Kaffeesorte) ganz für mich allein. Jackpot! Es ist ein Traum mit Terrasse und Fernblick. Nach Tagen brauche ich erstmals wieder mein Fleeceshirt und eine Wolldecke. Ich messe nach: „nur“ noch 25 Grad. Im Gemeinschaftsraum brennt ein Kaminfeuer. Die Bar bietet statt „Sex on the Beach“ einen „Sex on the Tree“ an. Denn direkt vom Resort aus kann man Ziplinig machen. Ein Jeep fährt uns die Straße weiter hoch zum Start. Über zwölf Seile gehts durch den Nebelwald runter, bis man wieder direkt im Resort ankommt.

Bei der Abfahrt sitzt am Haupteingang eine Motte, die so groß wie meine Hand ist. Ihre Flügel wackeln im Wind, Es sieht fast so aus, als würde sie uns hinterherwinken. Wieder steigen wir in Boquete in einen Minivan um. Bei einem Abstecher in den Supermarkt will ich für abends eine kleine Flasche Wein und eine Einmalportion Pringles erstehen. Die Verkäuferin zeigt auf den Wein und sagt etwas, von dem ich nur „diez“ und „liquor“ verstehe. Muss man mindestens zehn sein, um hier Alkohol zu kaufen? Will sie meinen Ausweis sehen? Ein Kollege kommt hinzu und übersetzt, dass man vor zehn Uhr morgens keinen Alkohol bekommen kann. Blick auf die Uhr: zehn vor zehn. Also nur die Pringles. Der australische Mitreisende hinter mir muss sein Bier stehenlassen. Unser Guide Vin erklärt uns, dass der Supermarkt erzkonservativen Evangelikalen gehört. Ohnehin gibt es in Panama schräge Sitten. Am Nationalfeiertag, der drei Tage dauert, wird gar kein Alkohol verkauft, was er auch nicht wusste – „war eine trockene Angelegenheit“. Vin stammt aus Guatemala und kennt lustigerweise Juan, den Guide der mich 2011 durch Yucatan gelotst hat.

Auf dem Weg nach Südosten wird die Gegend trockener. Auf sonnenverbrannten Grasflächen stehen viele Rinder. Schließlich erreichen wir das Örtchen Santa Catalina an der Pazifikküste. Wir kommen in den „Cabanas Sherrley“ unter, einer kleinen Herberge in der Nähe der felsigen Punta Brava zwischen den Stränden El Estero (extrem feiner, schwarzer Sand) und der etwas helleren Playa Santa Catalina. Die Zimmer haben nicht verschiedene Nummern, sondern verschiedene Farben. Wir sind zu dritt in pink. Höhepunkt hier ist ein Tagesausflug zum Nationalpark Coiba, einem Archipel vor der Küste. Den ersten Stop legen wir an der Isla Granito de Oro ein, die aus zwei kleinen Felsen mit weißem Sandstrand besteht. Wir schnorcheln rundherum. Atemberaubend: Ich sehe erst zwei einzelne Adlerrochen, dann ziehen vier auf einmal hintereinander an mir vorbei. Außerdem große gelbschwarz gestreifte Wimpelfische, zwei verschiedene Arten von Kofferfischen (mit ihren Glubschaugen meine heimlichen Lieblinge) und Massen anderer Fische. Beim zweiten Schnorchelstop vor der Isla Ranchería entdeckte ich auch die dritte, leuchtend gelbe Art von Kofferfischen. Die Insel selbst hat einen unfassbar schönen Strand voller Kokospalmen, hinter dem eine kleine Lagune liegt. Dorthin führt eine Schleifspur durch den Sand, neben der riesige Fußabdrücke sind. „Ein vier Meter langes Krokodil“, erklärt einer der Guides.

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Den Kanal voll

Die Panamericana bringt uns schließlich in die Hauptstadt, die viel schöner ist, als erwartet. Unterwegs machen wir einen Abstecher zu den „Miraflores Locks“. Bei den Schleusen auf der Pazifikseite des berühmten Kanals befindet sich ein Museum mit Aussichtsterrasse. Wir sehen gerade noch, wie ein Frachtschiff, das rechts und links nur ein paar Zentimeter Platz hat, sich herauswindet. Ich stelle mir vor, wie es sich für Weltumsegler anfühlen muss, mitgeschleust zu werden. Nebenan entstehen neue Schleusen für ganz große Pötte, die eigentlich im Januar eingeweiht werden sollten. Streiks haben das verhindert. Jetzt sollen sie im Mai eröffnet werden… Der bisherige Kanal ist zwischen 1903 und 1914 von 45.000 Menschen gebaut worden. Die Erweiterung ist die derzeit größte Baustelle der Welt.

Perfektes Timing: Wir erreichen Panama City am Karnevalssamstag. Das Treiben hier ist ebenso bunt wie in Rio. Die größte Party im Land steigt an der für den Verkehr gesperrten Strandpromenade. Gerade formiert sich eine der vielen Paraden – Karnevalsköniginnen mit prächtigem Kopfschmuck, schwarze und rote Teufel (traditionelle mythische Figuren), Mauren, Ägypter und ein Hulk laufen vorbei. Als ich am Sonntagmorgen zurückkehre, ist die Party schon wieder voll im Gang. Wummernde Bässe überall. Noch sind mehr Polizisten als Leute auf dem Gelände. Jeder wird vor dem Betreten des Geländes gründlich durchsucht. Wasserpistolen allerdings dürfen mitgebracht werden. Zudem stehen trotz anhaltender Dürre Wasserwerfer bereit – um die Feiernden bei 35 Grad abzukühlen. Vor den Bühnen regnet es in Strömen. Und statt Bonbons fliegen leere Trinkflaschen in die Menge. Es schneit Schaum auf einen Mann mit Santa Hat. Bizarr!

 

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HOME, SWEET HOME

PORTUGAL 🇵🇹 

Definitiv einen Blick wert: Lissabon

Bei meiner Reise nach Marokko im Herbst 2015 steige ich jeweils in Lissabon um. Auf dem Hinflug habe ich gut zwei Stunden Aufenthalt. Das reicht nur für einen Caipi und eins von diesen leckeren portugiesischen Vanilletörtchen („Nata“). Von oben sieht die Stadt gut aus, auch wenn es gerade regnet. Auf dem Rückweg habe ich mehr Zeit und nutze sie: Vom Flughafen fährt ein Bus für 3,50 Euro direkt ins Zentrum. Nach knapp 30 Minuten stehe ich auf dem Rossio. Von diesem Platz laufe ich zur Küste, wo sich die Parlamentsgebäude befinden. Obwohl es fast Mitte November ist, herrscht wunderschönes Spätsommerwetter. Ich bin nicht die Einzige, die auf der Mauer am Ministrand die Sonne genießt.

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Das Hoch im Atlantik: Azoren

Sao Miguel Nordwesten

Anfang Juni 2018 zieht es mich in die allerwestlichste Ecke Europas. Ich besuche drei der neun Inseln, die einsam und allein ca. 1500 Kilometer vor der Küste Portugals mitten im Atlantik liegen: São Miguel, Pico und Faial. Zwar ensteht das Azorenhoch in der Nähe des Archipels. Das bedeutet aber nicht, dass dort immer schönes Wetter ist. Man kann alle Jahreszeiten an einem Tag erleben. Es wird nie ganz kalt (auch im Winter nicht unter 16 Grad) und nie ganz heiß (auch im Sommer nicht über 24 Grad). Mit Regen muss man immer rechnen. Nach zwei Wochen ungewöhnlich warmen Wetters in Hamburg (im Mai!) bin ich verwöhnt. Während ich meist dick eingemummelt in den Urlaub fliege und mich dann vor Ort erleichtere, ist es diesmal eher umgekehrt. Schon beim Umsteigen in Lissabon bläst ein unangenehm kühler Wind. Entgegen der Erwartungen empfangen mich die Azoren zunächst mit strahlendem Sonnenschein.

Die Inseln sind unglaublich grün. Überall stehen auf den Hügeln glückliche Kühe, die keinen Stall kennen, und für Fleisch, Milch und Käse sorgen. Auf dem Markt stapeln sich Berge von Ananas, riesige Tomaten und dicke Kartoffeln. Entweder ernten hier die dümmsten Bauern, oder es liegt einfach am guten Boden und dem Klima, das (fast) alles wachsen lässt. An Fisch herrscht natürlich ebenfalls kein Mangel. Dementsprechend vielseitig und fantastisch ist das Essen.

Ebenfalls fantastisch sind die Menschen. Das merke ich noch einmal, als ich zum Flughafen muss. Am nächsten Tag ist Nationalfeiertag, der Präsident besucht Ponta Delgada und die Innenstadt ist schon gesperrt. So kommt das bestellte Taxi im Verkehrschaos nicht zum zentral gelegenen Hotel Camoes durch. Ich irre mit meinem Gepäck Richtung Hafen, wo ich eine Gruppe Polizisten und Offizielle sehe. Als ich verzweifelt frage, was ich tun soll, erbarmt sich einer der Polizisten und fährt mich mit einem Kollegen im Streifenwagen hin.

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SĂO MIGUEL: Unterirdisches Essen und Kraterseen

Meine Rundreise startet und endet auf São Miguel im Osten des Archipels. 18.000 der 138.000 Einwohner leben an der Südküste im Hauptort Ponta Delgada. Von dort aus erkunden wir zuerst Furnas im Osten der Insel. Das Dorf liegt in einem Einsturzkrater, der mit Wasser gefüllt ist. Aus der Erde kommt Dampf. Überall sind Hügel mit Namensschildern. Es ist aber kein Friedhof. Hier wird unser Mittagessen, der berühmte Eintopf Cozido, gekocht. Morgens um sechs werden riesige Pötte mit Schweine-, Rindfleisch und Hühnchen, Blutwurst, Chorizo, Kartoffeln, Süßkartoffeln und Yamswurzeln, Möhren und Kohl und anderem Gemüse gefüllt. Dann wird das Ganze begraben und am Mittag wieder ausgebuddelt. Ein Problem, sagt unser Guide Nuno, sind die Portionen: „Sie sind sehr groß. Eher für Fischer, Bauern und Walfänger gemacht.“ Unsere fünfköpfige Touristengruppe schafft nicht einmal die Hälfte.

Nach dem Essen entspannen wir im Parque Terra Nostra, einem subtropischen Botanischen Garten mit Riesenfarnen, Blumen und Wasserläufen. Es gibt ein großes Badebecken und kleinere Whirlpools, die von einer Thermalquelle gespeist werden. Das 30 Grad warme Wasser ist gelb, weil schwefelhaltig. Nicht weit weg sind weitere, kochend heiße Caldeiras. Es riecht streng. Anschließend fahren wir zur Nordküste, wo sich die einzige Teeplantage Europas befindet. Sie stellen sowohl schwarzen und grünen Tee mit museumsreifen Maschinen her.

Bei einer Jeeptour durch den Westen der Insel halten wir an einem Aussichtspunkt. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf den Ort Sete Cidades, der an einem Kratersee liegt. Eine Brücke teilt das Gewässer in einen blauen und einen grünen Teil. Nuno gibt uns zunächst die romantische Erklärung für das Phänomen: Es waren einmal eine Prinzessin mit blauen Augen und ein Bauer mit grünen Augen. Beide weinten, weil sie nicht heiraten durften. Die wissenschaftlichtliche Version ist eher profan: Der eine Teil wirkt grün, weil er mehr Algen enthält und den umgebenden Wald reflektiert. Im blauen Teil spiegelt sich der Himmel. An dem Aussichtspunkt befindet sich die Ruine eines Luxushotels. Es lief nicht, weil auf 550 Metern Höhe häufig Nebel herrscht. Ein Stück weiter kann man in der anderen Richtung auf den Santiago Lake hinunterschauen. In Sete Cidades besichtigen wir die neogotische Kirche São Nicolau. Das Land gehört nach wie vor einer reichen Familie, die Häuser darauf den Leuten, was den Verkauf erschwert. Am blauen See befindet sich ein Überlauftunnel aus den 1930er-Jahren, durch den man zur Nordküste laufen kann (wenn man eine Taschenlampe hat). Daneben ist eine Picknickwiese, die Einheimischen schmeißen die Grills an.

Unser Mittagesessen hingegen ist ein traditionelles Buffet mit deftigen Spezialitäten wie Blutwurst mit Ananas (nicht so ganzen mein Fall). Anschließend gehts weiter zur Lagoa do Fogo, dem Feuersee in einem Krater. Das türkise Wasser und die weißen Strände wirken fast karibisch. In der Caldera Velha genieße ich erneut das Baden in Thermalpools. Letzte Station ist eine Ananasplantage. Die tropischen Gewächse werden in Treibhäusern gezogen. Um Früchte zu tragen, müssen die Pflanzen gestresst werden. Dazu wird Rauch ins Treibhaus geblasen. Nach zwei Jahren erhält man dann eine Ananas pro Pflanze.

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PICO: Wein und Meer

Von São Miguel fliegen wir frühmorgens zu den zentralen Azoren nach Pico, auf die Heimatinsel von Nuno. Die kleine Propellermaschine hätte mir fast den Urlaub verdorben. Sie war nämlich ausgebucht und die Einzige an diesem Tag. Zum Glück konnte ich über eine Warteliste nachrücken. In Pico fahren wir durch die Weinfelder, die zum Weltkulturerbe gehören. Sie sind von kleinen Mäuerchen aus Lavasteinen durchzogen. Das kam so: Zunächst versuchten die Menschen, Getreide anzubauen, aber das funktionierte nicht. Dann trugen sie die Lavaschicht ab und stellten fest: ideal für Reben! Doch wohin mit all den Steinen? Zunächst wurden die Grundstücksgrenzen mit Mauern markiert. Die restlichen Steine wurden als Schutz gegen Wind, Salz und Wetter um die Weinstöcke gelegt. So geschützt wird der Wein sehr süß und stark (16 bis 18 Prozent). Deswegen wird er wie Sherry als Aperitif oder Likörwein getrunken. In Madalena, Nunos Heimatort setzen wir mit der Fähre nach Faial über. Die See ist ziemlich rau. Im Hafen liegt das Wrack eines Schiffes, das im Januar von den Wellen auf die Felsen geworfen wurde. Zum Glück ist keiner ernsthaft verletzt worden.

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FAIAL: Treffpunkt der Weltumsegler

Ganz in Blau zeigt sich diese Insel. Überall sind Hortensien, sogar als Hecken zwischen den Feldern. Dementsprechend heißt der Hauptort Horta. Er ist sehr hübsch, mit einigen Jugendstilbauten. Unser Hotel Do Canal ist modern und zentral direkt an der Marina gelegen. Gleichzeitig ist es nur ein kurzer Weg nach Porto Pim, wo sich ein schöner Strand befindet. Auf einer Mauer aus Lavasteinen huschen Eidechsen umher. Darüber thront ein zauberhaftes Häuschen, das unbewohnt ist. Ich träume davon, wie es wäre Geld zu haben, das Häuschen zu kaufen und zu renovieren. Wie es aussähe, wenn es wieder strahlend weiß wäre. Mit zartlila Fensterläden. Oder roten. Und üppigen Blumen auf der Terrasse… Vom nahen Monte Queimado aus hat man einen tollen Blick zu beiden Seiten über die Bucht und die Marina.

Direkt an der Marina liegt auch die legendäre Seglerkneipe Peter Café Sport, die gerade den 100. Geburtstag feiert. Überall hängen von Atlantiküberquerern signierte Wimpel und Bilder an den Wänden. Im ersten Stock befindet sich das Scrimshaw Museum mit Schnitzereien aus Walzähnen und -knochen. Nicht nur das Essen lohnt sich hier (unser Menü: Fischsuppe, gegrillter Thunfisch mit Knoblauch und Schokoladenkuchen). Die Kneipe ist auch für ihren Gin Tonic mit selbst hergestelltem Gin berühmt. Während ich das legendäre Gesöff genieße, setzt sich eine Segelcrew aus Nordirland an meinen Tisch, die gerade mit der „Minnie B“ von den Bermudas herübergekommen ist. 14 Tage lang war das Ehepaar Norma und Phil mit einem Freund ununterbrochen auf See, immer in drei Stunden-Schichten am Steuer. In den vergangenen neun Jahren sind die beiden um die Welt gesegelt: Von Europa in die Karibik, durch den Panamakanal in die Südsee (französisch Polynesien war für sie das Schönste), über Neuseeland, rund ums Kap der guten Hoffnung, zu den Bahamas über die Bermudas bis nach Horta. Kap Hoorn und das Rote Meer haben sie vermieden. Phil hält sich einen Finger wie eine Pistole an den Kopf: „Wir sind die einfache Route gefahren.“

Und sie sind nicht allein. Die Hafenpromenade ist eine riesige Freiluft-Galerie. Um eine gute Reise zu haben, verewigen sich die Weltumsegler auf dem Beton an der Mole mit mehr oder weniger kunstvollen Gemälden. Die könnte ich stundenlang betrachten. Eines der Boote hieß „Unsinkable II“. Unwillkürlich frage ich mich, was wohl mit „Unsinkable I“ passiert ist. Sogar ein Rasender Hase hat schon angelegt: „Runaway Bunny“. Der Yachthafen wurde 1986 gegründet und hat 300 Liegeplätze. 2500 bis 3000 Schiffe machen pro Jahr hier Station. Damit ist die Marina die fünftbelebteste in der Welt.

An einem Tag zeigt sich das Wetter von seiner richtig ungemütlichen Seite – stürmischer Wind und immer wieder Regen. Wir ändern den Plan und machen statt Whale Watching erst einmal Bird Watching im Inselinneren, u. A. am Vulkan Capelinhos. Die Berge sind nebelverhangen, was der Landschaft einen unwirklichen Anstrich verleiht. Neben vertrauten Amseln, Rotkehlchen und Spatzen sehen wir Stieglitze, Mönchsgrasmücken, Kanarengirlitze und die kleinen, seltenen Wintergoldhähnchen.

Am nächsten Morgen ist es ruhiger, sodass wir mit einem Schlauchboot rausfahren können, um Seevögel zu beobachten. Im Hafen liegt ein Frachter. Er kommt einmal die Woche, um Lebensmittel zu bringen. Deshalb war der kleine Supermarkt am Tag zuvor so leer! Die Mole ist mit Tetrapoden (hier Hahnenfüße genannt) befestigt. Überall wimmeln Krabben und Felsentauben herum. Auf der Kaimauer hocken Möwen. In den steilen Klippen brüten massenweise Seeschwalben. Und die scheißen auf uns! Etwas weiter befindet sich ein weißer Felsen, der ursprünglich das Innere eines Vulkans war. Dort nisten die Sturmtaucher. Sie werden bis zu 40 Jahre alt, und die Paare bleiben ein Leben lang zusammen. Oft haben sie im ersten Jahr der Beziehung noch kein Küken. Abends nähern wir uns noch einmal vom Land aus dem Felsen. Sobald es dunkel wird, kehren die Eltern zu ihren Nestern zurück. Die Männchen rufen klagend „Aua, aua, aua!“ und die Weibchen antworten mit einem tieferen Schnarren. Es ist ein wildes Konzert.

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WHALE WATCHING: Die Qual der Walbeobachtung

24 verschiedene Walarten tummeln sich in den Gewässern rund um die Azoren. Gleich am ersten Tag gehen wir von Ponta Delgada aus Meeressäuger jagen. Natürlich nicht mehr wie bis Mitte der 1980er-Jahre mit Harpunen, sondern mit unseren Kameras. Nuno erzählt, dass auf den Azoren schlechte Ernten dazu geführt hatten, dass die Bevölkerung wirtschaftlich am Ende war. Nur deshalb wurde mit dem Fang von Pottwalen begonnen. Gegessen wurde deren Fleisch hier nie. Inzwischen sind sie wieder eine gute Einnahmequelle: Überall bieten Veranstalter für die Touristen Whale Watching an. Ich habe große Erwartungen! Wir fahren mit einem Schlauchboot hinaus, das gut motorisiert ist. Die See ist etwas bewegt. Trotzdem bleiben wir trocken. Man sitzt wie auf einem Pferd, das manchmal etwas bockt. Vom Land aus dirigieren auf den alten Beobachtungsposten Helfer mit starken Ferngläsern den Kapitän per Sprechfunk, wenn sie etwas gesichtet haben. Riesige Gruppen von Gemeinen Delfinen flitzen um das Boot. Auch ein paar „Flipper“-artige Große Tümmler und Sturmtaucher begleiten uns. Nur die Wale zeigen sich leider nicht.

Aber wir geben nicht auf! Von Horta aus fahren wir noch zweimal mit einem 13 Meter langen Katamaran aufs Meer, das nach dem stürmischen Tag noch ziemlich rau ist. Und tatsächlich: Zwischen Faial und Pico sehen wir mehrere Pottwale, die größten Zahnwale mit dem größten Hirn von allen Lebewesen. In einem Kindergarten dümpeln vier Jungtiere wie U-Boote an der Oberfläche vor sich hin. Auch die Mütter kommen immer wieder hoch. Es ist wie bei Eisbergen: Man sieht nur die kleine Rückenflosse aus dem Wasser schauen und erahnt die Gesamtgröße des Tieres erst, wenn die Wellen den großen Kopf freispülen oder beim Abtauchen die Schwanzflosse in die Luft ragt. Gelegentlich sprüht eine Fontäne. Schnauf! Pottwale haben das Blasloch nicht in der Mitte, sondern auf der linken Seite. Schon bei der Geburt sind die Weibchen fünf Meter, die Männchen acht Meter lang. Später könnes es dann zwölf bis 20 Meter werden. Zwischendurch schwimmt eine Meeresschildkröte vorbei. Sie ist aus Florida herübergekommen und wird irgendwann wieder dorthin zurückkehren. Auf dem Rückweg spielen Delfine direkt vor dem Bug. Selbst in der Hafeneinfahrt hält sich eine Gruppe auf. (s. FILM)

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HOME, SWEET HOME

MAROKKO 🇲🇦 

Reiseroute 2015

CasablancaRabatMeknèsVolubilisFésIfraneBremmen (Bergdorf bei Midelt zwischen Mittlerem und Hohem Atlas) – Erg Chebbi (Sahara) – El KhorbatTinghir (Todra Schlucht) – OuazarzateAít Benhaddou Aroumd (Bergdorf im Hohen Atlas) – EssaouiraMarrakesch – PORTUGAL 🇵🇹

1001 Nacht im 21. Jahrhundert

„Du fährst nach Nordafrika? Das würde ich mich jetzt nicht trauen“, höre ich im Herbst 2015 kurz nach dem Terroranschlag in Tunesien. Aber man soll sich nicht von Vorurteilen leiten lassen. Die Marokkaner wissen das zu schätzen. Unterwegs zeigen uns immer wieder Menschen beide Daumen nach oben. Soll heißen: Ihr Touristen seid uns willkommen. Hundertprozentig sicher ist man nirgendwo, Angst jedoch empfinde ich während meiner Reise nicht. Mittelalter und 21. Jahrhundert, Wald und Wüste, wimmelnde, enge Städte und menschenleere, weite Landschaften, Araber und Berber – in Marokko prallen Gegensätze aufeinander, ohne dass es ständig kracht. Seit Jahrhunderten haben die verschiedenen Religionen hier friedlich zusammengelebt. Ins Zentrum der Hafenstadt Essaouira beispielsweise führt das „Tor der Toleranz“, das mit Symbolen für Christentum, Judentum und Islam verziert ist. Viele der Altstädte haben eine Mellah, ein jüdisches Viertel. Die meisten Juden allerdings sind nach der Gründung Israels oder spätestens nach dem Sechstagekrieg abgewandert. In Meknès beispielsweise sind von einst 3.000 nur noch 50 Familien übrig.

Rund 99 Prozent der Marokkaner sind Moslems – alles Sunniten. „Das eint uns“, erklärt unser Guide Mohammed, den wir „Mohammed, den Siebten“, nennen. Der aktuelle König ist nämlich Mohammed VI. Er hat eine Frau aus dem Volk (stammt aus Fés) geheiratet, gilt als sehr modern und setzt sich für ein öffentliches Gesundheitssystem und kostenlose Schulen ein. Sehr beliebt beim Volk, erklärt Mohammed (der Guide). Das Staatsoberhaupt kann sich sogar ohne Bodyguards unter die Leute mischen. Als beim „arabischen Frühling“ die Proteste auf Marokko überzugreifen drohten, hat der König schnell ein wenig von seiner absoluten Macht abgegeben. Etwas verwirrend: Auch unser Fahrer heißt Mohammed. Dass Religion eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich schon in der Landesflagge: roter Hintergrund (Symbol für die Bereitschaft sein Blut für das Land zu lassen) mit grünem (Farbe des Islam), fünfzackigem Stern (fünf Säulen des Islam). Freitags strömen die Menschen in die Moscheen. Teilweise liegen daneben Teppiche auf der Straße, auf denen Männer beten. Die Predigt des Imam wird über Lautsprecher nach draußen übertragen. An vielen Geschäften versperrt ein Stock den Eingang. Das bedeutet, dass der Besitzer in der Moschee ist. Offenbar wird das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ hier beachtet. Keiner vergreift sich an der Ware.

Die meisten Frauen tragen Kopftücher. Seltener (vor allem in den Städten) sieht man komplett verschleierte oder ganz unverschleierte Frauen. Eine interessante Kombination bei jungen Mädchen: Kopftuch und hautenge Jeans. Das ist nicht der einzige Widerspruch. Bis heute kriegt ein unverheiratetes einheimisches Pärchen kein gemeinsames Zimmer im Hotel. Bei Westlern hingegen interessiert es keinen. Ein Thema für sich ist Alkohol. Auch einige Marokkaner trinken ihn. Sie dürfen das nur nicht in der Öffentlichkeit tun. Also in Restaurants nicht an den Tischen, die auf der Straße stehen, sondern nur im Innenraum. Bei Ausländern wird das wiederum nicht ganz so eng gesehen (außer im Fastenmonat Ramadan). In Meknès probieren wir in einem Hotel Wein aus der Region, der erstaunlich gut ist. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Marokko überhaupt Wein produziert. Dazu gibt es nicht nur gesalzene Erdnüsse, sondern auch Gürkchen, in Knoblauch eingelegte Möhren und Käse. Hätte auch beinahe als Abendessen gereicht. In Fés essen wir in einem Restaurant, das zwar keinen Alkohol ausschenkt (die Lizenz ist sehr teuer), man darf sich jedoch selbst welchen mitbringen. Im Spirituosengeschäft herrscht reges Treiben. Die Flaschen werden in schwarze Tüten verpackt, damit sie nicht auf offener Straße zu sehen sind. Dem Hotel in der Nähe der Todra-Schlucht ist der Alkohol ausgegangen, also Versorgung in einem kleinen Supermarkt in Tinghir. Die Kondome stehen in einem Glas direkt neben der Kasse, aber das Hochprozentige ist hinter einer Tür mit einem kein-Zutritt-Zeichen in einem winzigen Hinterzimmer versteckt und wird natürlich wieder in schwarze Tüten gehüllt.

Speisen müssen für Moslems halal (erlaubt) sein. Schweinefleisch und Insekten sind verboten. Aber auf dem Markt in Rabat haben wir Schnecken gesehen… Naja, meint Mohammed, über diese Frage wird heftig diskutiert. Glücklicherweise hat die Ex-Kolonialmacht Frankreich in Marokko nicht nur Schnecken hinterlassen. Zum Frühstück gibts in den meisten Hotels Croissants und Baguette. Dazu Kaffee, der seinen Namen verdient und nicht wie in vielen anderen Ländern mit dem Tee verwechselt werden kann: tiefschwarz und leicht ölig. In den Bergen bekommen wir Berberkaffee mit Gewürzen, u.a. Thymian. In Fés probiere ich eine lokale Spezialität: Pastilla, eine Pastete, die mit Hühnchen gefüllt und mit Zucker und Zimt bestreut ist. Gewöhnungsbedürftig, aber durchaus lecker. Ebenfalls lecker ist marokkanisches Fast Food: In Meknès wage ich mich an einen Kamelburger. In Aít Benhaddou kocht der Wirt Couscous für alle. Er demonstriert, wie man ihn nur mit der rechten Hand isst: Erst ein bisschen Gemüse zermatschen, damit das Ganze etwas klebrig wird, dann daraus einen kleinen Ball formen. „Die jüngere Generation macht das nicht mehr“, meint Mohammed. „Der Löffel ist bei uns angekommen.“ Das beliebteste Gericht in Marokko ist allerdings nicht Couscous, sondern Tajine. Im Wüstencamp esse ich erstmals den im Tontopf gegarten Eintopf. Auch der Wirt im Bergdorf Aroumd serviert Tajine. Interessanterweise sind meistens Kartoffeln mit darin. Das ermöglicht eine unerwartete Beilage zu vielen Gerichten: Pommes! Mein lokales Lieblingsessen ist Berberomelett, eine Art Bauernfrühstück mit Gemüse.

Die Verkehrsverhältnisse sind erstaunlich vertraut. Der Zug von Casablanca nach Rabat erinnert an die Doppelstöcker der Deutschen Bahn. Er ist überfüllt und beim Aussteigen funktioniert die Tür nicht. Die Leute drängen schon hinein. Zum Glück bin ich nahkampferprobt… Der nächste Zug nach Meknès hat 15 Minuten Verspätung. Wieder fühle ich mich wie zuhause. Die meisten Autos in Marokko sind in einem hervorragenden Zustand. Es ist nämlich keine TÜV-freie Zone mehr: Alle werden jährlich überprüft, erklärt Mohammed. Und nur wenige Straßen geben einem die berühmt-berüchtigte afrikanische Massage. Erst als wir am Rand der Sahara die Dünen sehen und von der Straße auf eine Staubpiste abbiegen, wird alles geschüttelt, nicht gerührt. Kreisverkehre sind sehr beliebt. In der Mitte präsentiert jede Stadt ihre Spezialiät. In Ouarzazate ist es mal eine Filmrolle, mal eine „Action“-Klappe, in Midelt ein Apfel und in der Blumenstadt El-Kelâa M’Gouna eine Rose.

Eine saubere Sache ist der Besuch im Hamam. In Tinghir lerne ich die klassische Variante in einem öffentlichen Bad kennen. Erstaunlich: Auf der Straße sind die meisten Frauen verhüllt. Im Haman sind sie unter sich und gehen zumindest oben ohne. Auch die Frau, die mich mit der weichen, schwarzen Seife aus Oliven- oder Arganöl einseift, überall mit einem rauen Handschuh abschrubbt, und anschließend nachspült, hat kein Oberteil an und platziert meine Hand ungeniert auf ihrer Brust. Alle befinden sich in einem großen, gekachelten Raum. Privatsphäre oder Sitzmöglichkeiten gibts nicht, es sei denn, man bringt sich ein Plastikhöckerchen mit. Also kauere oder liege ich auf dem Boden und folge den Handzeichen rauf, runter, umdrehen, Arm hoch… In Marrakesch erlebe ich dann das Kontrastprogramm im Luxusbad in der Medina. Mohammed führt uns durch enge Straßen, das letzte Stück kommt uns eine Mitarbeiterin entgegen. Überall rufende Leute, hupende Autos und knatternde Motorräder, 33 Grad Hitze. Wir schlängeln uns durch eine Baustelle, dann stehen wir in einer Sackgasse vor einer Tür mit kleinem Schild: „Mythic Oriental Spa“. Man geht hindurch und betritt eine andere Welt. Zarter Duft, wohl temperiert, in der Mitte des Innenhofes ein kleiner Pool, Stille. Zur Begrüßung gibts Tee. Dann beginnt die Behandlung: Erst einseifen und peelen in einem privaten Raum (hier wird mehr sanft gerubbelt als geschrubbt), dann eine Stunde Ganzkörpermassage für insgesamt ca. 75 Euro. Zum Abschluss ein Kännchen Pfefferminztee und marokkanische Leckereien auf der Dachterasse. Himmlisch!

Auf wirklich wilde Tieren wie in anderen Ländern Afrikas treffe ich in Marokko nicht. In einem Zedernwald im Mittleren Atlas tummeln sich Berberaffen, die einzige Art im Land. Aber sie sind an Menschen gewöhnt und lassen sich aus der Hand füttern. In der Sahara und am Strand von Essaouria begegnen wir Kamelen mit ihrem unnachahmlich bräsigen Gesichtsausdruck. In einem Reiseführer lese ich, dass sie angeblich als einzige Lebewesen den hundertsten Namen Allahs kennen und sich deshalb für etwas Besseres halten. Weil der Prophet immer von Katzen begleitet wurde, gelten sie als Glücksbringer, werden versorgt und bevölkern die Medinas. Während die Städte fest in Katzenpfote sind, laufen auf den Feldern viele Hunde herum. Pech für sie: Wenn Hunde im Haus sind, kommen Engel nicht hinein. Also müssen die Vierbeiner sich nützlich machen, sonst fliegen sie raus. Außerdem viele schwarzbunte Kühe, Schaf- und Ziegenherden sowie Esel. An einem Verkaufsstand hängt ein korbartiges Gebilde, das wie ein riesiger Büstenhalter aussieht. Es wird den Eseln über den Rücken gelegt. Immer wieder stehen am Straßenrand einzelne Exemplare. Geduldig warten sie auf ihre Besitzer, die gerade auf dem Markt sind und nachher damit in ihre Dörfer zurückkehren. Öfter sehe ich Männer, die traditionelle Gewänder tragen, im Damensitz reiten. Im Gebirge werden mehr Maultiere als Esel eingesetzt. Sie sind kräftiger und kommen besser mit der Höhe klar. Auf dem örtlichen Markt in Timdhite entdecken wir lebende Schafe, die auf dem Dach von Pickups transportiert werden. Wie kriegen die Besitzer sie da bloß drauf?

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Von Stadt zu Stadt

Die Größte: Casablanca. Der Ausgangspunkt unserer Reise. Das Letzte, was ich erwartet hätte: Die Schnellstraße vom Flughafen ins Zentrum ist weihnachtlich mit roten und grünen Lichtern geschmückt (sind auch die Nationalfarben Marokkos). In einem Kreisverkehr steht sogar eine Art Tannenbaum aus Lichterketten. Und das Ende Oktober! Viel sehe ich nicht von der Stadt, weil es morgens gleich mit dem Zug weitergeht. Auf den Spuren von Humphrey Bogart und Ingrid Bergman kann man ohnehin nicht wandeln, da der legendäre Film komplett in Hollywood entstand. Auch ein „Rick’s Café“ gibts erst seit 2004.

Die vier Königsstädte: 1. Rabat. Wir machen einen Zwischenstop. Vom Bahnhof laufen wir zur Strandpromenade und dann dort entlang zur Kasbah Oudaia. Die verschachtelten Häuser hinter der hohen Mauer der Burg sind oben weiß, unten leuchtend blau. Zurück gehts quer durch die Altstadt mit ihrem Markt. Hier sieht man kaum Touristen und kann bei einem Kaffee das bunte Treiben der Einheimischen beobachten. Auf der Straße vor uns stehen Tische, an denen Männer vor uralten Schreibmaschinen sitzen. Leute, die nicht oder nicht gut genug schreiben können, diktieren ihnen Briefe.

Die vier Königsstädte: 2. Meknès. Zunächst gehen wir durch ein imposantes Stadttor. Anschließend besichtigen wir das Wasserreservoir und den Sultanspalast aus dem 17. Jahrhundert mit seinen bis zu fünf Meter dicken Mauern. Für den Fall einer Belagerung gabs einen Lebensmittel- und Wasserspeicher. Eine der Wände ziert eine riesige, 700 Jahre alte Tür, die ins Nichts führt. Sie ist nur Dekoration und spielte bereits in „Das Juwel vom Nil“ mit. Dahinter war ein Stall für 12.000 Pferde mit 3000 Säulen. Das Dach ist bei einem schweren Erdbeben, das 1755 auch Lissabon und die Reste von Volubilis zerstörte, eingestürzt. Die dicken Lehmmauern haben Löcher, die zum Klimatisieren dienen und die enormen Temperaturunterschiede ausgleichen sollen. In einer der wenigen Moscheen, die auch Nicht-Muslime betreten dürfen, befindet sich das Grab des Sultans. Es wird von von zwei Standuhren flankiert. Die waren ein Geschenk von Frankreichs König Ludwig IV. Eigentlich wollte der Sultan die Hand von dessen Tochter. Doch Ludwig lehnte ab und tröstete ihn mit den Uhren. Frustriert heiratete der Sultan daraufhin angeblich 500 Frauen und hatte 700 Kinder.

Die vier Königsstädte: 3. Fés. Die älteste der Königsstädte ist nach Casablanca und Rabat mit zwei Millionen Einwohnern die drittgrößte Metropole Marokkos. Immer wieder sieht man Afrikaner, die auf ihrem Weg nach Europa in Marokko gestrandet sind und nun Autoscheiben putzen oder betteln, um weiterzukommen. Das ganze Zentrum ist Weltkulturerbe. Zunächst besichtigen wir den „neuen“ Teil, der aus dem 14. Jahrhundert stammt. Im Königspalast finden Staatsempfänge und Feiern wie Hochzeiten statt. Etwa 80 Leute leben ständig darin, die königliche Familie gelegentlich. Der Haupteingang hat sieben Türen (heilige Zahl) und ist reich verziert. Die Keramikmosaiken und Bronzeverkleidung stammen von 1968. Die lokalen Handwerker wollten dem damaligen Herrscher Hassan II. ihre Verehrung zeigen. In die Muster der Torbögen sind kleine Fußbälle eingearbeitet, weil er ein großer Fan war.
Vom South Castle aus hat man einen tollen Blick auf das alte Fés – und auf tausende von Satellitenschüsseln. Die Medina ist Ende des 8. Jahrhunderts entstanden und wird von ca. 400.000 Menschen bewohnt. In der Mitte befindet sich die älteste Universität der Welt, die von einer Frau gegründet wurde. Studieren dürfen Frauen dort aber bis heute nicht, da nur noch Religionswissenschaften gelehrt werden. Ebenfalls mittendrin: das Mausoleum Moulay Idriss II. Der Besuch des heiligen Ortes gilt als Wallfahrt der kleinen Leute, die nicht das Geld haben, nach Mekka zu reisen. Hier ist der Sohn von Idris I. begraben, dessen Grab in Moulay Idris zuerst besucht werden muss. Die Wohnhäuser haben zwei Türen – eine Kleine für die Bewohner, eine Größere für Pferde und Gäste. Wir laufen kreuz und quer sechs Kilometer von Norden nach Süden durch die Altstadt. Man muss ständig aufpassen, nicht von Eseln oder Maultieren überrannt zu werden (sie werden zum Warentransport genutzt und haben immer Vorfahrt, Autos passen nicht durch die engen Gassen), nicht auf Waren, Katzen, Kinder oder Bettler zu treten, nicht über Stufen zu stolpern oder die Gruppe zu verlieren. Denn ohne lokalen Guide findet man aus dem Gewirr der ca. 10.000 Straßen nie wieder raus. Sonnencreme kann man sich sparen, da kaum ein Strahl bis auf den Boden dringt und vieles sogar überdacht ist. Im Souk, dem Lebensmittelmarkt, gehen die Leute täglich frische Waren einkaufen. Tiefkühlkost ist verpönt.
Während in den Medinas anderer Städte die verschiedenen Handwerke bunt gemischt sind, hat in Fés jedes sein eigenes Viertel. Zuerst besuchen wir die Töpferei. Es ist kein privater Betrieb, sondern eine staatlich geförderte Kooperative mit Ausbildungszentrum. Verarbeitet wird grauer Ton aus der Umgebung. Im Süden Marokkos hingegen ist er rot. Am Eingang sind Dachziegel gestapelt. Geformt werden sie auf den Armen, dann meist grün (für Moscheen) oder blau (für Häuser) lackiert. Neben dem Geschirr (u.a. die allgegenwärtigen Töpfe für die Tajine) beeindrucken die Mosaiks. Beispielsweise ist ein mit über 3000 handgefertigten Steinchen verzierter Brunnen ausgestellt. Wir sehen, wie diese Mosaiks entstehen: Sie werden mit der Rückseite nach oben gelegt und dann einbetoniert. Die Lederwarenhersteller wurden an den Rand der Medina verbannt. Im Fluss werden die Felle gewaschen und dann normalerweise nebenan gefärbt. Leider werden die berühmten Bottiche dafür seit vier Tagen renoviert und sind unter Gerüsten verschwunden. Beim Betreten des Shops, wo die 650 Gerberfamilien ihre Waren gemeinsam anbieten, bekommt jeder einen Minzzweig gegen den strengen Geruch. Weiter gehts zu den Schneidern, bei denen man sich z.B. eins der traditionellen Kleider mit Kapuze anfertigen lassen kann. Mein Bademantel aus Mikrofaser sieht dem Design erstaunlich ähnlich. Nebenan stellen die Weber die Stoffe dafür her. Sie sind aus ägyptischer Baumwolle, Lammwolle und Seide. Die wird nicht von Raupen, sondern aus Agavenblättern gewonnen. Diese stacheligen Gewächse säumen die ganze Strecke von Meknès nach Fés. Ich kaufe einen weichen Kakteenschal. Zuletzt schauen wir bei der Metallverarbeitung zu. Die Muster entstehen ohne Vorlage aus dem Gedächtnis und werden in Messing, Kupfer oder Silber in Teller, Teekannen oder Lampen gemeißelt.
Bevor wir Fés verlassen, halten wir an einem riesigen Supermarkt. Das totale Kontrastprogramm zum Souk: Hier gibt es alles – vom Sofa bis zum Motorrad. Überall in den Vororten wird gebaut. Die Leute kommen wegen der Jobs aus den Bergen und lassen die Stadt explosionsartig wachsen. Die Regierung versucht, mit sozialem Wohnungsbau und neuen Städten etwas weiter außerhalb entgegenzusteuern.

Die vier Königsstädte: 4. Marrakesch. Auf dem berühmten Place Jemaa El Fna essen wir an einem der unzähligen Stände (Nr. 41 bei Saíd) und es ist fantastisch – Spieße vom Grill, gebratene Auberginen, Salat, Couscous, Fladenbrot, Oliven und alles, was die Küche sonst noch zu bieten hat. Drumherum tobt das Leben. Musiker ziehen umher. Sie tragen Kappen, unter denen das Trinkgeld steckt. Auf dem Platz tummeln sich Geschichtenerzähler und Akrobaten. Das Spektakel, für das man bei der Einstufung als Weltkulturerbe eine eigene Katagerorie schaffen musste, weil es einmalig ist, betäubt alle Sinne. Eine Frau kommt auf mich zu und ehe ich es richtig mitkriege, hat sie mir blitzschnell die rechte Hand und den Unterarm mit Henna bekritzelt und Glitzer drübergestreut. Sie verlangt 100 Dirham (zehn Euro). Ich gebe ihr zehn, um sie loszuwerden, und ergreife die Flucht. Später erfahre ich, dass das auch schon vielen anderen Reisenden passiert ist. Im Hotel versuche ich, das schmierige Zeug abzuschrubben. Es ist verdammt hartnäckig. Noch Tage später habe ich orange Spuren des nicht gerade kunstvollen Tattoos, das mir nicht – wie versprochen – „einen guten Ehemann“ beschert. Kein Wunder…
Nach dem nächtlichen Irrsinn des zentralen Platzes lasse ich es am nächsten Tag erstmal ruhiger angehen. Zuerst besichtige ich den Jardin Majorelle, der eigentlich mehr Kunstwerk als Garten ist, und nach dem französischen Maler benannt wurde, der ihn gegründet hat. In der Mitte befindet sich ein Art-Deco-Bau aus den 20er-Jahren in leuchtend blau mit sonnengelb abgesetzt. Yves Saint Laurent hat die Anlage nach Majorelles Tod vor dem Verfall gerettet. Nach einem Besuch im Luxus Hammam (s.o.) fühle ich mich wieder fit genug für die Medina. Auf dem Platz ist auch tagsüber die Hölle los. Man hört ihn schon von weitem – wildes Getrommel, Flötengedudel. Wenn nachmittags die Essenstände eröffnen, nebelt der Rauch der Holzkohlenfeuer alles ein. Außer den üblichen Verdächtigen sind jetzt auch Leute mit Tieren da. Tauben, Raubvögel und Berberaffen mit T-Shirts müssen mit Touristen posieren. Und natürlich Schlangen, die um 17.00 Uhr endlich Feierabend machen wollen und sich zum Schlafen zusammengerollt haben. Nur die Kobras stellen noch gelegentlich die Köpfe auf, wenn sie mit Stöcken gepiekt werden. Schön ist das nicht.

Ruinen: Volubilis. Die alte Römersiedlung ist ein weiteres Weltkulturerbe, erst ein Drittel davon ist ausgegraben. U.a. fehlen noch die Arena und das Kolosseum. Schätzungsweise 25.000 Menschen haben hier mal gelebt. Allzu viel ist nach dem Erdbeben von 1755 nicht übrig. Die Steine der kaputten Gebäude wurden als Baumaterial genutzt. Trotzdem kann man noch erahnen, wie es einmal ausgesehen hat. Deutlich erkennbar sind Wohnhäuser, Thermen, Tempel – und ein Bordell, das mit einem in Stein gemeißelten Penis dekoriert ist. Die Römer haben in Marokko nicht nur die Olive eingeführt, sondern auch den Wein. Danke, Leute! Wieder einmal muss ich an „Das Leben des Brian“ denken: „Was haben die Römer je für uns getan?“

Wie in der Schweiz: Ifrane. Bei der Fahrt durch den Mittleren Atlas entdecke ich am Straßenrand ein Schild mit dem springenden Hirschen und Mauern gegen Schneewehen. Wir nähern uns Ifrane, einem von zwei Skigebieten Marokkos. Dies ist das für die High Society. Auch der König hat eine Residenz hier. Das andere ist bei Marrakesch und erschwinglicher. Im Zentrum des Städtchens, in dem es im Winter bis zu minus zehn Grad kalt wird, steht eine in Stein gemeißelte Löwenstatute. Doch der letzte Atlaslöwe verschwand 1923. Dahinter sind mit klassischer Musik untermalte Wasserspiele. Total bizarr: Die Fachwerkhäuser mit ihren spitzen Dächern und die mit Kastanien und Ahornbäumen gesäumten Straßen sehen wirklich nicht wie Marokko aus. Am Vortag waren wir noch in der exotischen Altstadt von Fés, einen Tag darauf mit Kamelen in der Wüste.

Die Filmstadt: Ouarzazate. Ouazarzate bedeutet „Stadt ohne Lärm“, was heute nicht mehr so gut passt. Zunächst besichtigen wir die „Horizon Association“, eine Hilfseinrichtung für Behinderte, die vom Reiseveranstalter unterstützt wird. Dort werden in einer Werkstatt Prothesen angefertigt, zudem gibts Räume für Physiotherapie und Krankengymnsstik, wo sehr arme Leute Hilfe bekommen. Denn das öffentliche Gesundheitssystem ist immer noch sehr lückenhaft und nicht immer kostenlos. Kinder lernen, mit ihren Beeinträchtigungen zu leben. In beschützenden Werkstätten arbeiten Behinderte mit Ton und Metall oder produzieren Teppiche. Die Einrichtung lebt von Spenden und von Freiwilligen und vom Verkauf der hier hergestellten Waren. Zu Mittag essen wir in einem Restaurant gegenüber der Kasbah de Taourirt. Die Tajine hier scheint gut zu sein. Eine Katze schleckt einen der Tontöpfe aus. Nachdem wir in einem Gewürz- und Heilkräuterladen vorbeigeschaut haben, duftet der ganze Minibus ziemlich exotisch.
Schräg ist ist die Besichtigung der Atlas Filmstudios. Vorbei am riesigen Buddha aus „Kundun“ gehts durch einen Tempel, bei dem je nach Bedarf die Säulen immer wieder ausgetauscht werden können – griechisch, römisch oder ägyptisch. Das Gefängnis vom „Gladiator“ befindet sich direkt hinter einem afghanischen Platz, auf dem James Bond einst in einer Eröffnungssequenz verhandelte. Die Arche Noah ist neben der Burg aus „Game of Thrones“ gestrandet. Ein Stück weiter wurde ein ägyptischer Tempel errichtet, der eine Mischung aus Luxor und Abu Simbel darstellt. „Die Ägypter haben tausende von Jahren daran gebaut, wir drei Monate“, meint unser Guide Aziz grinsend. Das Ganze diente u.a. schon als Kulisse für „Asterix und Obelix: Mission Kleopatra“, „Troja“ und „Kingdom of Heaven“.

An der Route der Kasbahs: Aít Benhaddou. Die Route der Kasbahs (Burgen) führt durch eine mit dürrem Gras bewachsene Hochebene (ca. 1600 Meter) zwischen Antiatlas und Hohem Atlas. El Khorbat ist ein Ksar (Dorf), der typisch für die südmarokkanische Architektur ist. Alles ist ineinandergebaut und von einer Mauer mit Wachtürmen umgeben. Das Highlight jedoch ist Aít Benhaddou, ein Ksar mit mehreren Kasbahs. Die Siedlung wurde im 18. Jahrhundert gegründet und war ein wichtiger Knotenpunkt zweier Karawanenstraßen von Nord nach Süd und Ost nach West. Die örtlichen Stammesführer kassierten von den Durchreisenden Steuern und wurden reich. Heute leben kaum noch Leute dort. Die Regierung hat den Bewohnern Geld gezahlt, damit sie sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ansiedeln und die meisten Häuser in Geschäfte umgewandelt. Aít Benhaddou zieht sich einen Hügel hinauf. Oben befindet sich ein ehemaliger Speicher für Lebensmittel. Da kamen die Feinde nicht so schnell ran. Dort erleben wir wieder einen dramatischen Sonnenuntergang zwischen dunklen Wolken. Man meint fast, der Himmel ist auch nur auf eine Leinwand gemalt oder ein Computereffekt, so unwirklich schön ist das Ganze. Denn auch dies ist eine beliebte Filmkulisse. Am Fuß der Siedlung sieht man noch Spuren der Arena, die für „Gladiator“ gebaut wurde Der Wirt unseres Hotels trägt den Spitznamen „Action“, seit er in der Serie „Game of Thrones“ als Komparse mitgewirkt hat.

Für mich die schönste Stadt: Essaouira. Essaouira liegt an der Atlantikküste und hat einen lebhaften Hafen mit Markt. Alle kleinen Fischerboote sind blau. Kein Zufall: Sonst müssten ihre Besitzer Strafe zahlen. Der Hafen soll ausgebaut werden. Angeblich für die Fischer. Doch die Einheimischen fürchten: für Kreuzfahrtschiffe. Dann wäre es mit der Beschaulichkeit vorbei. Von der Befestigungsanlage bietet sich durch einen runden Durchbruch in der Mauer der berühmte Schlüssellochblick auf die Stadt. Der dicke noch komplett erhaltene Wall rund um die Medina ist mit Kanonen gespickt. Die waren nicht gegen Piraten. „Das waren wir selbst“, sagt unser Guide Rachida, sondern gegen die Franzosen und wurden 1844 das letzte Mal benutzt. Direkt neben dem Hafen beginnt ein langer Strand, ein Paradies für Surfer aller Art, da fast immer ein kräftiger Wind weht. Kamele und Pferde warten auf Reiter. Einst war Essaouira ein Hippieparadies, u.a. haben Jimi Hendrix und Mick Jagger hier gelebt. Schon damals wurde fleißig gekifft. Offiziell gab es so etwas allerdings nie. Inzwischen diskutiert man auch in Marokko, die Droge zu legalisieren. Wir wohnen in der Altstadt und essen im Restaurant „il mare“. Sehr gut, aber relativ teuer. Auf der Dachterasse kann man den Sonnenuntergang bei einem Caipirinha genießen. Später gibts Livemusik im örtlichen Stil, der Gnaoua genannt wird. Der Sänger trägt eine Kappe mit Bommel, den er mit leichten Kopfbewegungen im Takt kreisen lässt. Wir versuchen das auch, bringen aber nicht mehr als ein, zwei Umdrehungen zustande.

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Kein plattes Land

Die vielen Berge in Marokko bieten zahlreiche Wandermöglichkeiten. Bei Midelt übernachten wir zwischen dem mittleren und hohen Atlasgebirge. Bei einem Gang durch das nahe Dorf Bremmen erzählt Mohammed von der Familiensolidarität der Berber. Einige Mitglieder arbeiten in der Stadt und schicken Geld, die übrigen halten im der Heimat die Stellung, kümmern sich um Vieh und Felder. Inzwischen haben auch die entlegenen Dörfer Strom (Ziel war bis 2010). Sein Dorf wurde 2000 ans Stromnetz angeschlossen, erzählt Mohammed. „Die größte Veränderung in der marokkanischen Gesellschaft war das Fernsehen.“ Die älteren Frauen haben Gesichtstattoos, an denen Eingeweihte erkennen können, ob sie ledig, verheiratet, geschieden oder verwitwet sind. Ähnlich funktionieren die nicht permanenten Henna-Tattoos. Sind nur die Hände bemalt, ist die Frau ledig, bei Händen und Füßen heißt es für Männer: Finger weg, sie ist verheiratet. Doch was macht man(n), wenn sie tätowierte Hände hat, aber Socken trägt? „Er schickt seine Mutter gleichzeitig mit ihr ins Hamam, um nachzusehen“, meint Mohammed. Wir laufen bergauf an einem Canyon entlang. Überall Haine mit Obstbäumen, vor allem Äpfel und Walnüsse. Die Gipfel hingegen sind karg.

Auf dem Weg Richtung Sahara werden die Berge höher. Wir fahren durch den Hohen Atlas über den 1907 Meter hohen Tiz-n-Talrhemt Pass. Den Weg haben schon vor Jahrhunderten Karawanen genommen, die aus Zentral- oder Westafrika durch die Sahara gezogen sind und Elfenbein oder Sklaven gebracht haben. Der spärliche Bewuchs reicht, um zahllose Bienenvölker zu ernähren, deren Honig am Straßenrand verkauft wird.

In der Todra-Schlucht machen wir morgens eine fünfstündige Wanderung. Erst gehts hinauf auf einem Pfad, den Nomaden gebaut haben. Selbst Kamele können hier hoch, wie man an ihren Hinterlassenschaften sieht. Oben am Berg machen wir eine Teepause bei einer Nomadenfamilie, die noch ganz traditionell lebt und herumzieht. Babyziegen staksen auf wackeligen Beinen durch das Camp. Als Ställe und Vorratsräume dienen in den Berg gegrabene Höhlen. Von den acht Familienmitgliedern sind nur die Großeltern und die beiden Enkeltöchter zu Hause. Eines der Mädchen ist blond und blauäugig. Mr. Achmed serviert im mit Teppichen ausgelegten Zelt grünen Tee mit wildem Thymian, der überall wächst. Er ist inzwischen sehr berühmt. Unzählige Touristen haben ihn fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt. Er selbst allerdings hat gar keinen Strom, geschweige denn einen Computer, die Kinder gehen nicht zur Schule. Auf dem Kamm haben wir einen spektakulären Blick in die Schlucht und auf die Ebene gegenüber. Durch Geröll gehts wieder runter durch eine halb verlassene Kasbah. Die Leute sind lieber in moderne Apartmenthäuser gegenüber gezogen. Auf einer wackeligen Brücke überqueren wir einen Fluß und balancieren über Mauern zwischen Gemüsegärten durch. Nach dem Mittagessen besuchen wir eine Kooperative für Frauen aus dem Dorf, die Teppiche weben oder knüpfen. Die Muster erzählen Geschichten. Einer beispielsweise ist eine Karte der Sahara. Lange hatten die Berber keine Schrift. Einige der Frauen können immer noch nicht lesen oder schreiben und drücken auf diese Weise ihre Gefühle und Gedanken aus.

Eine fünfstündige Fahrt bringt uns von Aít Benhaddou zum Fuß des höchsten Berges Nordafrikas, dem 4167 Meter hohen Jbel Toubkal. Es geht durch eine Landschaft, die etwas wie im Südwesten der USA aussieht, dahinter schneebedeckte Gipfel. Die gewundene Straße ist mit Kurvenzeichen gespickt, darunter steht „rappel“. Passt! Die „Vorsicht, Kamele“-Schilder sind „Vorsicht, Kühe“-Schildern gewichen. Immer wieder flache Häuser, die ähnlich wie die Almen in Europa nur im Sommer von Hirten genutzt werden. Die Straße steigt immer weiter an bis zum Tizi Tichka. Er ist mit 2260 Metern der höchste Pass Marokkos und wurde 1912 gebaut. Da er eine wichtige Abkürzung auf der Strecke zwischen Marrakesch nach Südmarokko ist, wird er gerade erweitert. Hinter dem Pass wird die Gegend grüner. Von der Kleinstadt Imlil aus steigen wir eine Stunde lang hoch zum Berberdorf Aroumd und übernachten in einer Gite, einem traditionellen Gästehaus. Am nächsten Morgen wandern wir von dort zum auf 2700 Metern Höhe gelegenen Schrein von Sidi Chamarouch. Darauf befindet sich ein Solarpanel, daneben ein Klo. Der Legende nach ist einst ist ein weißer Hund hier hochgelaufen. Die Leute sind ihm gefolgt, dann ist er hinter einem Felsen verschwunden, der nun weiß angemalt wurde. Der Quelle, die dort entspringt, werden Heilkräfte nachgesagt. Deshalb ist der Ort eine Pilgerstätte. Die Menschen bringen Gaben, darunter auch Klauen von Ziegen oder Schafen und Innereien, was die wie überall präsenten Katzen freut, die sich bedienen. Als nicht-Moslems dürfen wir in den Schrein nicht hinein, aber wir trinken das Heilwasser im Tee. Am frühen Morgen ist es noch ziemlich kalt (Reif auf dem Boden), weil sich die Sonne noch hinter dem Berg versteckt. Da kommt das Heißgetränk sehr gelegen.

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In die Wüste geschickt

Einer der Höhepunkte der Reise ist ein Abstecher in die Sahara. Nach der Mittagspause in der Oase Tafilalet sehen wir die ersten Sanddünen. Auch hier sind wie bei Ifrane wieder Barrieren neben der Straße, diesmal aus Palmwedeln gegen den Sand. Die Berge weichen einer Geröllebene, aus der sich die weithin sichtbaren, roten Sanddünen von Erg Chebbi erheben. Wir stoppen wir in der Stadt Rissani, um Wasser und vier Meter lange Schals für Turbane zu kaufen. Dann nähern wir uns der algerischen Grenze, über deren Verlauf die Länder seit der Unabhängigkeit streiten. Die Franzosen hatten beide kolonialisiert und die Trennlinie aufgehoben. Wegen der anhaltenden Spannungen zwischen Algerien und Marokko ist die Grenze jetzt geschlossen. Das müssen auch die Nomaden beachten, die immer noch durch die Wüste ziehen.

In Merzouga werden wir auch zu Nomaden und steigen vom Minibus auf Kamele um. Hier muss man sich auskennen. Die Häuser stehen wie kleine Burgen verstreut in der Geröllebene. Die „Straße“ sucht sich jeder selbst. Mein Kamel heißt Jimi Hendrix. Vor mir schreitet Omar Sharif, hinter mir Bob Marley, der einen stylischen Nasenring trägt, ab und zu seine Nase an Jimis Hintern schubbert und mir auf die Wade niest. Lenken oder schalten muss man nicht: Die Wüstenschiffe haben Automatik, denn sie sind aneinandergebunden und laufen brav hintereinander her. Ein Kamel kostet 1500 bis 2000 Euro. Sie müssen regelmäßig zum TÜV, dann gibts gelbe Knöpfe in die Ohren. Es sind alles Männchen. Die Weibchen kümmern sich um die Babys und ums Essen (Milch). Ein junges Kamel läuft am Ende. Es ist in der Ausbildung und das Einzige, was beim Start nölt. Im Schaukelgang gehts durch die Dünen. Nach einer Stunde tut der Hintern weh. Wind ist aufgekommen, da erweisen sich unsere traditionellen Turbane als sehr praktisch. Auch die Männer verschleiern sich. Trotzdem ist nachher Sand in den Augen und zwischen den Zähnen. Bei Sonnenuntergang erreichen wir das Camp und klettern zum Gucken auf eine hohe Düne. während des Essens tummeln sich unter dem Tisch selbst hier Katzen.

Anschließend machen die Kameltreiber Musik: Gesang mit Trommeln begleitet. Es klingt mehr afrikanisch als arabisch. Obwohl es nach Sonnenuntergang kühl wird, schlafen einige von uns unter freien Himmel. Ich ebenfalls. Wofür habe ich denn meinen Daunenschlafsack mitgebracht? Als der fast volle Mond aufgeht, wirds fast taghell und die Sterne verblassen. Die Kamele liegen ein paar Meter weiter und grunzen beim Wiederkäuen. Eines schnarcht. Um vier Uhr morgens krähen die ersten Hähnchen. In der Mulde, in der wir campen, gibt es Grundwasser und damit etwas Grün. Ein paar Menschen leben in der Nähe in Zelten. Selbst die Schafe haben ein eigenes Zelt. Als Wände dienen Decken. Am nächsten Morgen reiten wir zurück zur Herberge, wo unser Van steht. Wieder herrrscht strahlender Sonnenschein, es ist wie im Film „Der Himmel über der Wüste“. Die Kamele werfen lange Schatten und haben jetzt den Tag frei. Eigentlich kein schlechtes Leben: Nur morgens und abends je eine Stunde Arbeit.

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