GROSSBRITANNIEN 🇬🇧

Teetrinkende Gentlemen

Manche Klischees stimmen tatsächlich. Und das ist auch gut so! Unmittelbar nach meiner Ankunft bestätigen sich gleich zwei Vorurteile:
1.) Englische Männer sind Gentlemen: Mein Hartschalenkoffer wiegt an die 30 Kilo. Immerhin bringt mich eine U-Bahnlinie direkt zu meiner Wohnung. Nur: Die Rolltreppe wird gerade renoviert und die Treppe ist seeeehr lang. Wortlos nimmt mir ein Mann im Anzug den Koffer aus der Hand – und trägt ihn die Stufen hinauf. (Nein, er sieht nicht wie ein Dieb aus und könnte mit dem schweren Teil ohnehin nicht wegrennen.) Auf dem Rückflug passiert dasselbe. Diesmal ist es ein Teenager, der Hand anlegt. Und als meine Mutter mich einmal besucht – dito!
2.) Engländer trinken Tee (mit Milch): Der Hausmeister gibt mir den Wohnungsschlüssel und bietet mir gleich eine Tasse Tee an. Ein absolutes Erlebnis ist der High Tea in einem Hotel im Zuckerbäckerstil (mit Garderobe, Silbergeschirr, Live-Musik am Flügel und Blick auf den Hyde Park).

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London Calling

Während meiner Ausbildung an der Journalistenschule Axel Springer bin ich zwei Monate im Auslands-Korrespondentenbüro in London eingesetzt, das standesgemäß in der Fleet Street liegt. Auf dem Weg zur Arbeit kann ich die City erkunden, an den Wochenenden komme ich auch in die Vororte. In Hampstead bestätigt sich ein weiteres Klischee: Ich besichtige im fahlen Licht der Wintersonne den uralten Friedhof einer uralten Kirche. Aus dem benachbarten Park, der Hampstead Heath, kriecht Nebel über die verwitterten Gräber. Wenn sich jetzt eines öffnete und eine knochige Hand nach mir griffe – es würde mich nicht wundern… Weitere Ausflüge führen mich nach Windsor und Oxford – beides sehr idyllische Orte.

Die Stadt selbst erweist sich als extrem teuer. Die Miete für meine spartanisch möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung an der Sloane Street ist Anfang der 90er zweieinhalb mal so hoch wie mein Brutto-Gehalt. Zum Glück zahlt das der Arbeitgeber. Immerhin wohne ich im feinen Knightsbridge mit Blick auf die hell erleuchtete Kuppel von Harrod’s. Das mit Würde gealterte Apartmenthaus trägt den noblen Namen „Earl’s Court“ und hat einen uniformiertem Doorman, der den Eingang bewacht. Täglich kommt eine Putzfrau, die die Laken und Decken so übers Bett spannt, dass man kaum drunter kriechen kann, und das Geschirr spült. Aber: Die Stromleitungen sind nicht die besten. Verdächtigerwiese hängen überall Feuerlöscher. Prompt fackelt in der kurzen Zeit mein Toaster ab, und der Heizlüfter fängt an zu schmoren.

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England hat keine kalten Winter

Ich verbringe den Dezember 1991 und den Januar 1992 in England und bin auf Nebel und Regen eingestellt. Stattdessen scheint fast die ganzen zwei Monate die Sonne vom blauen Himmel – bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Es ist der kälteste Winter seit 1800irgendwas, aber die Londoner ignorieren diese Tatsache. Denn: England hat keine kalten Winter – „Wir haben den Golfstrom, der uns wärmt.“ Dementsprechend steht neben mir an der Bushaltestelle ein Mädchen in Schuluniform – mit nackten Knien. Die Börsianer in der City tragen Anzug, die Ladies allenfalls ein dünnes Kaschmir-Plaid über dem Kostümchen. Mäntel, Jacken, Mützen, Schals sind was für Weicheier. Denn… (s.o.)

Meine Wohnung ist ein Kühlschrank. Durch die einfach verglasten Fenster pfeift der Wind, die Alurahmen klappern. Die Heizung im Wohnzimmer ist wohl mehr Dekoration und wird nur lauwarm. Die Küche hat gar keine Heizung. Was ich im Bad als heizbaren Handtuchhalter bewundere, entpuppt sich als einzige Wärmequelle im Raum. Im Schlafzimmer liegen als Decke Woll-Läppchen, auf dem Bett, die in Laken gewickelt sind. Als ich unten zaghaft beim Doorman nachfrage, ob man vielleicht die Heizung etwas höher drehen könne, sieht er mich mitleidig an. Er ist Klagen gewohnt: Im selben Haus wohnen viele Araber. Die frieren wahrscheinlich noch mehr als ich. Also bekomme ich einen kleinen Heizlüfter.

Wahrscheinlich war es eine englische Höhle, in der die Menschheit irgendwann bei der Evolution vom Affen beschlossen hat: „Fell brauchen wir nicht mehr. England hat keine kalten Winter.“

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