ARGENTINIEN đŸ‡ŠđŸ‡·

Reiseroute 2019

Buenos Aires – Puerto Madryn – Halbinsel Valdes – Rawson – Punta Tombo – Buenos Aires – Mendoza – Bariloche – El ChaltĂ©n – El Calafate – Buenos Aires

Manche mögen’s bitter

Bis Anfang der 1950er-Jahre war Argentinien (von argento = Silber) eines der reichsten LÀnder der Erde. Doch dann ging es bergab. Zwar verbesserte sich die Lage nach dem Zusammenbruch des Finanzsystems 2001 langsam wieder, als ich jedoch 2019 einreise, befindet sich der Argentinische Peso im freien Fall. Der Wechselkurs schwankt stÀndig, die Inflation ist so hoch, dass die Wirte die Preise auf den Speisekarten nur mit Bleistift schreiben, um sie schnell anpassen zu können.

Reiseleiterin Mimi aus Puerto Madryn erzĂ€hlt, dass die Argentinier ich Land praktisch nicht mehr verlassen können. Um die eigene WĂ€hrung zu stĂŒtzen, hat die neoliberale Regierung den BĂŒrgern nicht erlaubt, mehr als 200 US-Dollar pro Monat einzutauschen. Kein Wunder, dass die Opposition die PrĂ€sidentschaftswahl vor einer Woche gewonnen hat… Bargeld ist selbst fĂŒr uns Touristen ein Problem: Fast alle Geldautomaten geben nur maximal 4000 Peso (zu dieser Zeit ca. 60 Euro) aus und berechnen dafĂŒr satte 635 Peso (knapp 10 Euro) GebĂŒhren. Damit kommt man nicht weit.

Seitenanfang

Ähnlich bitter wie die wirtschaftliche Lage ist das wichtigste HeißgetrĂ€nk im Land, der Mate-Tee. Unser einheimischer Guide Stevie hat immer eine Art Tasse mit Strohhalm in der Hand, die mit der. KrĂ€utermischung gefĂŒllt ist. RegelmĂ€ĂŸig wird heißes Wasser aus einer riesigen Thermosflasche nachgegossen. Kinder werden langsam an das GebrĂ€u gewöhnt. Zuerst bekommen sie ihn stark verdĂŒnnt mit viel Zucker. Die beliebtesten alkoholischen GetrĂ€nke sind ebenfalls bitter. Gerne wird Fernet Branca pur oder mit Cola getrunken. Am Flughafen probiere ich fĂŒr meine letzten Pesos einen argentinischen Mojito: Cynar Julep. Mit Grapefruitsaft, Rohrzucker, Minze, einem Spritzer Zitrone und dem gleichnamigen italienischen Likör aus Artischocken und KrĂ€utern. Etwas gewöhnungsbedĂŒrftig.

Seitenanfang

Beim Essen fĂ€ngt der Tag schon gut an. Im ersten Hotel beispielsweise gibt es zum FrĂŒhstĂŒck selbstgebackenes Brot mit einer festen Kruste, dazu KĂ€se. Außerdem verschiedene Kuchen (die Argentinier mögen’s auch sĂŒĂŸ), frischgepresste ObstsĂ€fte, Obstsalat und MĂŒsli. Mein Mittagessen besteht meist aus Empanadas, die mit verschiedenen FĂŒllungen gĂŒnstig ĂŒberall zu haben sind. Das Abendessen ist hĂ€ufig fleischhaltig. NatĂŒrlich gibt es fantastische Rindersteaks. 400 Gramm sind eine „normale“ GrĂ¶ĂŸe. „Es gibt aber auch 700-Gramm-Steaks“, sagt Stevie. Erstaunlich, dass bei diesen Portionen nur relativ wenige Argentinier Übergewicht haben. Das patagonische Barbecue nach dem Rafting in Bariloche ist allerdings nicht so mein Fall, da das Fleisch sehr fettig ist. In El Calafate bestellen andere aus der Gruppe Guanako. Ich koste mal: schmeckt leicht nach Wild, also nicht so mein Fall. An einer WƱrstchenbude in La Boca probiere ich die SpezialitĂ€t Choripan mit Chimichurri. Sehr wĂŒrzig. Die ziemlich grobe Bratwurst wird in der Mitte aufgeschnitten und gerillt, sodass sie fast wie ein Hamburger schmeckt.

Ich hatte immer gedacht, die Mehrheit der Argentinier hĂ€tte spanische Wurzeln. Stimmt aber nicht: Die grĂ¶ĂŸte Gruppe von Einwanderern kam aus Italien. Das schlĂ€gt sich auch in der KĂŒche nieder. FlĂ€chendeckend findet man Pasta und Pizza. In Mendoza speisen wir fĂŒr argentinische VerhĂ€ltnisse extrem frĂŒh um 20.00 Uhr im Restaurant „Fuente y Fonda“, wo Gerichte wie bei Oma serviert werden, u.a. Canneloni, Schnitzel mit Schinken und KĂ€se ĂŒberbacken und eine Art Pastete aus Rindfleisch und PĂŒree.

Seitenanfang

Ein „kleiner Abstecher“
zu Riesenbabys und FracktrÀgern

Nach einem 13-Stunden-Flug lande ich pĂŒnktlich morgens um kurz vor acht auf dem Internationalen Flughafen von Buenos Aires. Aber das dicke Ende kommt nach: Nicht nur, dass ich im Jumbo-Jet aus Frankfurt ganz hinten gesessen habe und ca. 800 Leute vor mir aussteigen. Offenbar sind vor uns schon einige andere Großraumflugzeuge gelandet. Dementsprechend monströs ist die Schlange an der Passkontrolle. Mehr als zwei Stunden dauert es, bis ich endlich meinen Einreise-Stempel bekomme. Zum GlĂŒck geht mein Anschlussflug nach Trelew erst neun Stunden spĂ€ter. Allerdings muss ich noch den Flughafen wechseln und einmal die Stadt durchqueren. Zum GlĂŒck habe ich vorher den gĂŒnstigsten Weg dorthin recherchiert und sitze bald in einem Bus, der erst durch endlose Vororte fĂ€hrt, einmal im Zentrum hĂ€lt und mich nach ca. 1 1/4-Stunden am Inlands-Flughafen Jorge Newbery Airpark absetzt. Der liegt direkt am Wasser. Eine Uferpromenade ist gerade im Bau, aber es gibt schon ein StĂŒck mit einem kleinen Park mit Kolumbus-Statue und einen Aussichtspunkt mit BĂ€nken. Da ich noch viel Zeit bis zum Boarding habe, genieße ich die Sonne. Prompt ist mein Gesicht am Abend feuerrot. Das Meer hingegen ist brĂ€unlich. Mein Sitznachbar im Flugzeug, der aus Buenos Aires stammt, hatte mir erklĂ€rt, dass der Rio ParanĂĄ, der nördlich der Stadt ins Meer mĂŒndet, ĂŒber einen anderen Fluss mit dem Amazonas verbunden ist und aus dem Gebiet jede Menge rote Erde mitbringt.

Seitenanfang

Die ersten drei NĂ€chte verbringe ich 1500 Kilometer sĂŒdlich von Buenos Aires in der Provinz Chubut. Die ist so groß wie Deutschland, hat aber nur 600.000 Einwohner. Vom Flughafen Trelew aus geht es nochmal 50 Minuten mit dem Auto weiter bis zum KĂŒstenort Puerto Madryn. Mein Zimmer im Hotel „Territorio“ hat Meerblick, selbst von der Badewanne aus! Allerdings treffe ich wieder mal auf die dĂ€mlichste Erfindung seit Rosenkohl: Das Doppelbett hat nur eine einzige, extrabreite Decke mit Laken. Schlecht fĂŒr Leute, die sich gerne einwickeln… Wie erwartet habe ich am nĂ€chsten Morgen ein „BettensĂ€gemassaker“ angerichtet. Weil ich noch vier Stunden „vorgehe“, bin ich schon frĂŒh munter und bereit fĂŒr meinen Tagesausflug zur Halbinsel Valdes nördlich von Puerto Madryn.

Seitenanfang

Das Hinterland besteht wie der grĂ¶ĂŸte Teil Patagoniens aus platter Steppe. Am Straßenrand hoppelt ein Mama-Mara mit Baby davon. Ein paar Guanakos ĂŒberqueren die sandige Piste. 30.000 leben auf der Halbinsel, denn ihr Hauptfeind, der Puma, ist selten geworden. Er ist die einzige Spezies, die hier nicht geschĂŒtzt ist. Die örtlichen Farmer töten die Raubkatzen, weil sie auch ihre Schafe reißen. Auf einem der ParkplĂ€tze wieseln zwei GĂŒrteltiere herum.

Seitenanfang

Die großen Attraktionen des Nationalparks Peninsula Valdes befinden sich am bzw. im Wasser. Der November ist eine gute Zeit fĂŒr die Walbeobachtung. Rund 1000 SĂŒdliche Glattwale tummeln sich jede Saison in der windgeschĂŒtzten Bucht Golfo Nuevo. Es ist ihre Kinderstube: Zuerst treffen die schwangeren Weibchen ein. Sie bringen ihre Jungen zur Welt, pĂ€ppeln sie hoch und ziehen dann wieder Richtung SĂŒden. Die Riesenbabys sind bei der Geburt zwei Meter lang, zwei Tonnen schwer und trinken 200 Liter Milch am Tag. Die Mutter hat keine Zitzen, der Nachwuchs keine Lippen. Also spritzt Mama die butterartige Milch ins Wasser, das Baby filtert sie heraus.

 

Vom Örtchen Puerto Piramide stechen wir mit einem kleinen Katamaran in See (s. Film). Schon vom Ufer aus sieht man die ersten Wale. Das Wasser ist wie flĂŒssiges Silber und ganz ruhig, weil es ausnahmsweise windstill ist. Man sieht sofort alles, was rausguckt. DafĂŒr sind die Wale bei solchem Wetter nicht so aktiv, erklĂ€rt der Guide. Geduld ist gefragt. Das Boot bewegt sich langsam, und pro Wal darf sich immer nur ein Schiff nĂ€hern. Aber schließlich bekommen wir „unser“ Weibchen und sein zwei Monate altes Baby zu Gesicht. Wir stoppen den Motor ganz und hoffen, dass die beiden zu uns kommen, was sie tatsĂ€chlich tun. Man kann sie atmen hören und sieht die charakteristischen weißen Flecken auf den Körpern. Einmal gerĂ€t das Boot zwischen Mutter und Kind und zieht sich vorsichtig zurĂŒck. Wieder vereint schwimmen sie davon. Zum Abschied winkt Mama endlich einmal mit der Schwanzflosse und wir kehren zum Ufer zurĂŒck.

Seitenanfang

Anschließend machen wir uns auf den Weg zu den Seeelefanten in Caleta Valdes, die ebenfalls gerade ihre Jungen gekriegt haben. Deshalb hĂ€ngen Orcas direkt vor der KĂŒste ab. Die örtlichen Killerwale haben eine weltweit einzigartige Jagdtechnik entwickelt: Sie springen mit den Wellen auf den Strand, schnappen sich die Kleinen und lassen sich ins Wasser zurĂŒckgleiten. Die Chance genau in diesem Augenblick vor Ort zu sein, ist allerdings sehr gering. Dokumentarfilmer warten oft tagelang auf die spektakulĂ€ren Bilder. Von oben blickt man auf die Kolonie. Die meisten Seeelefanten schlafen am Strand, ein Baby schreit.

 

Etwas nördlich gibt es eine kleine Pinguin-Kolonie. Aber von denen werde ich am folgenden Tag noch viel mehr sehen. In Punta del Norte am Ende der Halbinsel befinden sich weitere Seeelefanten, an die man etwas nĂ€her herankommt. Allerdings nicht so nahe, wie ich gedacht habe. Auch diese dösen im Sand. Nach der anstrengenden Paarungszeit ist Siesta angesagt. Wenn die Babys grĂ¶ĂŸer sind, verschwinden die Seeelefanten ins Meer. Dann ĂŒbernehmen die Seelöwen, um ihren Nachwuchs zu bekommen. Im SpĂ€tsommer springen die Orcas wieder regelmĂ€ĂŸig zur Jagd auf den Strand.

Seitenanfang

Am nĂ€chsten Tag mache ich einen Ausflug Richtung SĂŒden. Immer wieder sieht man am Straßenrand rote Fahnen und Heiligenbilder. Der Fahrer hupt Salut. Die Schreine erinnert an den Volkshelden Gauchito Gil. Er war im 19. Jahrhundert eine Art argentinischer Robin Hood, der die Reichen beraubte und es den Armen gab. Bei Trelew steht eine riesige Skulptur von einem Dino, der einst hier lebte. Den hĂ€tte ich gerne mal live gesehen. In der Gegend gibt es massenhaft Fossilien. Weil Patagonien zweimal in der Erdgeschichte unter Wasser, war, findet man neben Dinosaurierknochen auch versteinerte Austern.

Lavc58.54.100

Unser erster Stopp ist in Rawson, wo wir im Fischereihafen ein Schlauchboot besteigen. An einer eine kleinen Seelöwenkolonie vorbei fahren wir hinaus aus Meer, wo wir Commerson-Delfine sehen wollen. Die „Pandas des Meeres“ sind schwarzweiß, klein und flink. Es gibt es nur in Argentinien, Chile und irgendwo im Indischen Ozean. Man muss sie nicht lange suchen. Die MeeressĂ€uger kommen zum Boot, um in der Bugwelle zu surfen. Weil man das beim eigenen Boot schlecht sieht, ohne ĂŒber Bord zu fallen, wartet ein zweites Boot und fĂ€hrt neben uns her (s. Film).

 

Seitenanfang

Dann geht es weiter nach Punta Tombo, das sich echt mitten in der Pampa befindet. Die Gegend wird hĂŒgeliger. Schließlich erreichen wir die Bucht, die sehr schön ist: an der KĂŒste rote Felsen, blaues Meer, grĂŒne BĂŒsche und gelbes Gras. Aber das Highlight hier sind die Magellan-Pinguine. Mehr als eine Million leben in der Kolonie. Obwohl ich auch eine schwarze Jacke trage, fĂŒhle ich mich unter den ganzen FracktĂ€gern etwas underdressed. Gerade wird gebrĂŒtet. Die Partner teilen sich den Job: Einer sitzt auf dem Nest (entweder unter den BĂŒschen oder in Erdlöchern), der Andere geht fischen. Von einem Aussichtspunkt kann man beobachten, wie die Vögel ins Wasser wackeln und dann elegant in die Wellen tauchen. Aber selbst sie haben damit zu kĂ€mpfen und werden beim Anlanden manchmal von den Latschen gerissen. Im Sommer ist ĂŒbrigens Ruhe. Dann zieht es die Pinguine nach Norden.

 

Ein eingezĂ€unter Weg von ca. 1,5 Kilometern schlĂ€ngelt sich durch die Kolonie. Die Menschen dĂŒrfen ihn nicht verlassen, aber die Pinguine ĂŒberqueren. Und sie haben Vorfahrt (s. Film)! Auch wenn die Kleinen zum Knuddeln aussehen, ist Anfassen natĂŒrlich verboten. Dann wĂŒrden sie sicher auch hacken. So scheinen die Menschen sie nicht zu stören. Einige brĂŒten sogar direkt neben dem Weg. Vielleicht beobachten sie zum Zeitvertreib die vorbeigehenden Leute. Ist ja vermutlich ziemlich langeweilig, stundenlang auf dem Nest zu sitzen. Manche Piguine genießen den Schatten unter den hölzernen Stegen, ĂŒber die der Weg teilweise fĂŒhrt.

Seitenanfang

Wein, Wasser und
ein kackendes Guanako

Am nĂ€chsten Tag starte ich von Buenos Aires aus eine zweiwöchige Rundreise. Guide Esteban alias „Stevie“ empfĂ€ngt die Gruppe mit einer guten („Ich habe Empanadas organisiert.“) und einer schlechten Nachricht: „Wir mĂŒssen morgen um 3.45 Uhr aufbrechen, damit wir den ersten Flug nach Mendoza kriegen“. Dementsprechend wird der Abend nicht allzu lang.

Lohn des frĂŒhen Aufstehens: Wir haben den ganzen Tag, um Mendoza zu erkunden. ZunĂ€chst zeigt uns Marina, die in der NĂ€he eine kleine Weinbar besitzt, das Zentrum. Nachdem ein Erdbeben 1861 alles zerstört hatte, wurde die Stadt komplett neu gebaut. Die Straßen sind im Schachbrettmuster angelegt und mit BĂ€umen aus aller Welt gesĂ€umt, sodass die BĂŒrgersteige im Schatten liegen. KanĂ€le bringen Schmelzwasser aus den Anden zu jeder einzelnen Pflanze. Sonst wĂ€re hier WĂŒste mit Kakteen und BĂŒschen. Denn die von Westen kommenden Regenwolken schaffen es nur selten ĂŒber die hohen Berge. Neben einem zentralen Platz gibt es vier weitere kleinere – einen spanischen, einen italienischen, einen chilenischen und einen mit einem Denkmal des UnabhĂ€ngigkeitskĂ€mpfers San MartĂ­n. Ein noch grĂ¶ĂŸeres Monument ihm zu Ehren befindet sich vor der Stadt auf dem HĂŒgel La Gloria, von dem man einen schönen Blick hat.

 

Krönender Abschluss des Rundgangs ist ein Abstecher in Marinas Bar. Sie verkauft nur Weine von ganz kleinen Herstellern. Und beschreibt sie mit Leidenschaft wie MĂ€nner: „Die sind wie Vater und Sohn. Der Sohn stĂŒrmisch, explodiert im Mund, der Vater gesetzter, mehr ausbalanciert.“ Wir probieren einen fantastischen Malbec und einen ebenfalls sehr guten Cabernet Sauvignon. Dazu KĂ€se, Oliven umd Brot. Ich bin mal wieder im Himmel! Dann ist Siesta angesagt. Zwischen 13.00 und 17.00 Uhr ruht die ganze Stadt. Gearbeitet wird von 9.00 bis 13.00 Uhr und 17.00 bis 21.00 Uhr. Dementsprechend essen die Einheimischen frĂŒhestens um 22.00 Uhr zu Abend.

Seitenanfang

Am nĂ€chsten Tag machen wir von Mendoza (750 m) aus einen Ausflug in die Anden. Unser Ziel ist der 3400 m hohe Monte Arenales. Hinter einer RangerhĂŒtte fahren wir noch ein StĂŒck mit dem Minibus ĂŒber die kurvige Straße bis auf ca. 2800 m, dann geht es zu Fuß weiter. Der Weg steigt stetig an. An den BerghĂ€ngen weiden Guanakos, ĂŒber uns Kondore, ein riesiges Kaninchen hoppelt vorbei. Ein kalter Wind kommt auf. Ich keuche in der dĂŒnnen Luft mal wieder wie eine Dampflok, schaffe es aber schließlich auf den Gipfel, von dem man einen schönen Blick auf einen tĂŒrkisblauen See hat. Hinter uns ragen noch deutlich höhere Berge auf. Nach einem Picknick beginnen wir den Abstieg. Diesmal sehen wir die Guanakos noch nĂ€her. Eine Familie ĂŒberquert den Weg. Zuerst Mama und Kind, dann Papa, der auf den Weg kackt, um sein Revier zu markieren. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit rennen die drei die Schutthalde hinunter und am anderen Ende wieder hoch. Die Sonne lĂ€sst sich kaum blicken, weil Hochnebel in den Gipfeln hĂ€ngt.

 

Seitenanfang

70 Prozent der argentinischen Weine kommen aus der Gegend um Mendoza. Sie sind deutlich stĂ€rker als in Europa. Denn die Trauben bekommen viel Sonne, sodass sie viel Zucker enthalten. Die ersten Rebstöcke wurden Anfang des 17. Jh. eingefĂŒhrt. ZunĂ€chst aus religiösen GrĂŒnden („Blut Christie“), aber schnell wurde das Weintrinken selbst zur Religion. Zwei von den 835 WeingĂŒtern in der Gegend erkunden wir bei einer Fahrradtour. Erster Stopp ist der grĂ¶ĂŸere Produzent Nieto Senetiner. 1900 wurden hier die ersten Rebstöcke gepflanzt. Auch sie werden mit SchlĂ€uchen kĂŒnstlich bewĂ€ssert. Eine Million Liter Rotwein pro Jahr wird hergestellt (höhere QualitĂ€ten).

 

In der NĂ€he befindet sich ein zweites Weingut, das 19 Millionen Liter Weißwein, Sekt und jĂŒngere Rotweine produziert. Die ersten Tage verbringt der Wein in Betontanks. NatĂŒrliche Hefe wird zugesetzt, die den Zucker in Alkohol umsetzt. Dann wird der Wein in FĂ€sser aus französischer Eiche umgefĂŒllt und gelagert. Nach dreimaliger Benutzung werden die FĂ€sser an Möbelfabriken verkauft. Zweite Station ist das kleinere Weingut Clos de Chacras, das nur 150.000 Liter pro Jahr liefert. Dort essen wir im Schatten eines Baums stundenlang zu Mittag. Ein Drei-GĂ€nge-MenĂŒ inklusive zwei Wein fĂŒr 24 Euro. Fairer Preis! Wir genießen diese Siesta, denn vor uns liegt eine 18-stĂŒndige Busfahrt.

Seitenanfang

Schokolade, Wildwasser
und spektakulÀre Aussichten

Der Bus ist bequemer als ein Flugzeug. Man die Sitze etwas weiter nach hinten schieben. Dank der Flasche Malbec, die ich aus Marinas Bar mitgebracht habe, schlafe ich ganz ordentlich. Langsam wird die vorher flache Landschaft interessanter. Viele Seen, HĂŒgel, im Hintergrund schneebedeckte Berge. Endlich erreichen wir Bariloche, das idyllisch an einem See liegt. Der Nahuel Huapi ist dreimal so groß wie Buenos Aires, bis zu 400 m tief und hat sein eigenes Monster: Huapilito.

 

Der Ort gilt als Schokoladenhauptstadt Argentiniens, hat ein Skiort-Feeling und eine Architektur, die teilweise an die Schweiz erinnert. Mit einem kleinen Sessellift fahren wir zum Aussichtspunkt Cerro Viejo. Runter geht es dann auf einer Sommerrodelbahn. Noch einen besseren Blick hat man vom Campanario, der laut National Geographic zu den zehn schönsten Aussichtspunkten der Welt zÀhlt.

Seitenanfang

Von Bariloche aus fahren wir fĂŒr einen Rafting-Trip eineinhalb Stunden durch WĂ€lder und an Seen entlang zum Rio Manso. Es sieht echt aus wie in den Alpen, zumal die EuropĂ€er Pflanzen wie Kiefern eingefĂŒhrt haben, die wie so oft die einheimischen Arten verdrĂ€ngen. Die Berge in dieser Gegend sind deutlich niedriger als bei Mendoza, „nur“ bis zu 3000 Meter hoch. Startpunkt ist eine bilderbuchmĂ€ĂŸige Estancia. Von dort geht es 15 Kilometer den Fluss hinunter. „Perfekte Bedingungen“, schwĂ€rmt Guide Martin. Schmelzwasser sorgt dafĂŒr, dass die zehn Stromschnellen statt 2 bis 3 eine StĂ€rke von 3 bis 4 (von 6) haben. Sie tragen Namen wie „RĂŒhrei“, „Hundezahn“ und „Deep Throat“. Das verspricht Action (s. Film). Allerdings sorgt das Schmelzwasser auch fĂŒr eine Temperatur von gerade mal sechs Grad…

 

Unmittelbar vor der chilenischen Grenze stoppen wir. Neben der „Befestigung“, einem kleinen Stacheldrahtzaun, kraxeln wir eine Viehweide hinauf, wo schon die Kleinbusse warten, die uns zur Estancia zurĂŒckbringen. An der Schotterpiste lĂ€dt uns ein offenes Tor zum GrenzĂŒbertritt ein. Neben einem Schild machen wir Fotos auf der chilenischen Seite. Also habe ich auch dieses Land schon betreten – ca. fĂŒnf Minuten lang.

Seitenanfang

Bizarre Felsen und
etwas zahmeres Wildwasser

Am Flughafen von Bariloche teilt sich die Gruppe. Stevie und vier Reisende verlassen uns. Ich fliege mit den anderen sieben weiter gen SĂŒden nach El Calafate, wo wir acht weitere Leute und den neuen Guide Ezra treffen, der ursprĂŒnglich aus Chicago stammt und Patagonien liebt. Dann geht es dreieinhalb Stunden mit einem Minibus durch die Pampa. Am Straßenrand reitet ein Gaucho mit Hunden an einem Weidezaun entlang. Zwischendurch einzelne Estancias, die rote DĂ€cher haben. In frĂŒheren Zeiten war das Pflicht, da sie als Wegweiser dienten. So musste im Winter immer der Schnee runtergeschaufelt werden. Schließlich ragen bizarre Berge aus der Ebene. Zu ihren FĂŒĂŸen liegt der Ort El ChaltĂ©n, der erst 1985 gegrĂŒndet wurde. Im Sommer hat er ca. 1500 Einwohner, im Winter die HĂ€lfte.

Seitenanfang

Strahlender Sonnenschein empfĂ€ngt uns am nĂ€chsten Morgen. FĂŒr diese Gegend ist es verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig windstill. Die Berge zeigen sich in voller Pracht, selbst der berĂŒhmte Fitz Roy, der sich sonst gerne hinter Wolken versteckt. Ideal, denn wieder steht Rafting auf dem Programm. Diesmal auf dem örtlichen Rio de la Vueltas (s. Film). Die Schneeschmelze fĂŁngt hier unten erst an, deshalb ist der Wasserstand relativ niedrig. Der Fluss wird nicht durch DĂ€mme reguliert. Man muss das Wasser nehmen, wie es kommt. Eine Woche zuvor war Rafting noch gar nicht möglich, jetzt sind die Stromschnellen recht zahm. Da bleibt beim Paddeln durch den Canyon Zeit genug, um in Ruhe die unglaublichen Aussichten zu genießen. Wir tragen TrockenanzĂŒge, mit denen wir am Ende ins eisige Nass springen. Plötzlich denk ich, mich tritt ein Pferd. Im von Sedimenten getrĂŒbten Wasser sieht man die Felsen nicht…

Seitenanfang

El ChaltĂ©n ist ein Paradies fĂŒr Wanderer und Kletterer, die in den fast senkrechten FelswĂ€nden hĂ€ngen. Nach dem Rafting steige ich zum Mirador de los Condores hinauf, von dem man eine gute Aussicht auf den Ort und das allgegenwĂ€rtige Bergmassiv hat. Überall an den HĂ€ngen blĂŒhen Blumen. Auf dem RĂŒckweg mache ich einen Abstecher zum Mirador de las Águilas, von dem man von der anderen Seite des Berges ĂŒber die Ebene bis zu einem See blicken kann.

 

Die bekannteste Tageswanderung fĂŒhrt zur Laguna de los Tres. Und die ist kein Spaziergang. Da unser Hotel am anderen Ende des Ortes liegt, haben wir schon einen Anmarsch von zwei Kilometern. Der Weg selbst ist 20 Kilometer lang: zehn hin, zehn zurĂŒck. ZunĂ€chst steigt er leicht an. Wir passieren den Mirador de Rio de la Vueltas mit einem Blick in das Flusstal. Wieder herrscht perfektes Wetter. Richtig ĂŒbel ist der zehnte Kilometer, auf dem 400 Höhenmeter ĂŒberwunden werden mĂŒssen. Es geht steil ĂŒber Stufen und Felsbrocken. Aber die Aussicht auf den Fitz Roy ist es wert! Der See zu seinen FĂŒĂŸen ist noch zugefroren. Auf dem RĂŒckweg legen wir an der Laguna Capri eine kurze Pause ein. Langsam legt sich eine Wolke auf den Fitz Roy.

 

Bevor wir am nĂ€chsten Tag nach El Calafate zurĂŒckfahren, laufe ich sehr gemĂ€chlich zum Aussichstspunkt Mirador del Torre hoch und mache oben eine lange Mittagspause mit KĂ€se, Crackern und Malbec. Der Wind ist heftig. Also kauere ich mich auf den Boden. Auf einem anderen Weg kehre ich nach El ChaltĂ©n zurĂŒck. Nach zwei Bilderbuchtagen herrscht zunĂ€chst „normales“ patagonisches Wetter: dunkle Wolken und ein paar Regenspritzer. SpĂ€ter setzt sich die Sonne wieder durch.

 

Seitenanfang

Bebrillte Tyrannen
und gefrorenes Wasser

El Calafate liegt am Lago Argentino. Der riesige See wird im Sommer durch Schmelzwasser noch grĂ¶ĂŸer. UnzĂ€hlige Zugvögel tummeln sich am sumpfigen Ufer. Im Vogelschutzgebiet Laguna Nimez beobachte ich u.a. Flamingos, Greifvögel, GĂ€nse und Enten. Darunter sind auch einige Arten, die ich noch nie zuvor gesehen habe, z.B. ein schwarzer Brillentyrann, der mit seinen weißen Augenringen eigentlich eher lieb aussieht.

 

Wie rund 80 Prozent Patagoniens besteht auch die Umgebung von El Calafate aus Steppe. FrĂŒher waren Schafe die Haupteinnahmequelle der Estancias. Im 19. Jahrhundert hat man Immigranten mit kostenlosem Land in die unwirtliche Ecke gelockt. Schafe brauchen hier mehr FlĂ€che, als in der fruchtbaren Gegend im Norden Argentiniens. Dementsprechend groß sind die GrundstĂŒcke. Weil die Wollpreise gefallen sind, stellen nun viele um auf KĂŒhe oder Übernachtungen fĂŒr Touristen. Die meisten von denen zieht es in den nahen Nationalpark Los Glaciares. Im sĂŒdlichen Eisfeld Amerikas gibt es 2000 Gletscher. In den Anden schneit es 300 Tage im Jahr. Sieben bis 20 Meter Schnee liegen oben, verdichten sich zu Eis und fließen dann bergab. Unser Ziel ist der Perito Moreno – ­ 27 Kilometer lang, bis zu fĂŒnf Kilometer breit. Er ist weder der grĂ¶ĂŸte, noch der höchste Gletscher Argentiniens. DafĂŒr ist er gut erreichbar, denn seine Zunge befindet sich gerade mal 200 Meter ĂŒber dem Meeresspiegel. Zur Musik von „Game of Thrones“ steuern wir den ersten Aussichtspunkt an. Perfekt: Über den Perito Moreno wölbt sich ein Regenbogen. Er kommt zwei Meter pro Tag voran und zieht sich wie eine Autobahn in den Lago Argentino, bis er auf eine Landzunge stĂ¶ĂŸt und den sĂŒdlichen Arm des Sees blockiert. In diesem Stadium befindet er sich bei meinem Besuch. Das gestaute Wasser frisst sich langsam unter dem Eis hindurch. Schließlich entsteht eine BrĂŒcke, die irgendwann spektakulĂ€r zusammenbricht.

 

 

Der Perito Moreno schwimmt nicht, sondern liegt auf dem Grund des Sees und ragt 30 bis 70 Meter aus dem Wasser. Bei einer Bootsfahrt kommen wir nĂ€her heran. StĂ€ndig knistert und knackt es im Eis. Manchmal brechen mit lautem Knall StĂŒcke ab. Es ist die Saison, in der der Gletscher kalbt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gletschern schrumpft er nicht. Was unten schmilzt, wĂ€chst oben wieder nach. Im Besucherzentrum fĂŒhren Galerien zu Aussichtsbalkonen, die den Perito Moreno von allen Seiten zeigen. Bei meinem ersten Besuch setzt heftiger Regen ein. Am nĂ€chsten Tag kehre ich mit einigen anderen noch einmal fĂŒr eine gefĂŒhrte Gletscherwanderung zurĂŒck. Wir setzen mit dem Boot zum anderen Ufer ĂŒber und laufen an der Seite entlang bis zum Einstiegspunkt. Mit Krampen unter den Schuhen sieht man das Naturwunder wieder aus einer anderen Perspektive. Zum Schluss gibt’s Whisky on the rocks, natĂŒrlich mit Gletschereis. Die Sonne kommt heraus, und der Perito Moreno leuchtet tĂŒrkis.

Seitenanfang

Zu guter Letzt: Buenos Aires

Die meisten aus der Gruppe reisen weiter nach Chile, um im Torres del Paine Nationalpark zu wandern. Ich hingegen muss nach Buenos Aires zurĂŒck. Erstmals habe ich Zeit, mich in der Stadt etwas umzusehen. Vom zentral gelegenen Hotel aus mache ich einen Spaziergang zum berĂŒhmten Friedhof Recoleta. Der schließt um 17:30, und ich erreiche ihn um 17:45… Vor dem Eingang spielt ein Trio Jazz. In der NĂ€he tanzen zwei Paare Tango. Ziemlich touristisch hier. Allerdings genießen auch die Einheimischen den herrlichen Samstagnachmittag und bummeln ĂŒber den Kunsthandwerkermarkt auf dem benachbarten Platz. Abends besuche ich eine Tagoshow im nostalgischen Restaurant Querandi. Nach einem Drei-GĂ€nge-MenĂŒ wird die Geschichte des Tanzes von den AnfĂ€ngen Ende des 19. Jahrhunderts bis heute erzĂ€hlt.

 

Seitenanfang

Bevor ich am nĂ€chsten Tag den RĂŒckflug antrete, mache ich noch einen Abstecher nach La Boca. Am Fußballstadion lĂ€sst der Uber-Fahrer mich und ein Ehepaar aus der Gruppe raus und meint dĂŒster: „Das ist der Feind.“ Beim örtlichen Fußballclub ist es wohl wie bei Bayern MĂŒnchen. Die Boca Juniors haben eine Menge glĂŒhender Fans, aber der Rest Argentiniens hasst sie. Wenn das Team spielt, muss die Hölle los sein. Es gab schon so schlimme Ausschreitungen, dass die gegnerischen Fans nicht mehr ins Stadion gelassen werden, erzĂ€hlte uns Stevie, der einen der Lokalrivalen unterstĂŒtzt. Um das Stadion herum ist alles in den Vereinsfarben blau und gelb gestrichen. Es gibt viele WandgemĂ€lde und ĂŒberall Skulpturen von Maradona, obwohl der dort nur eine Saison gespielt hat. Auf vielen Balkonen stehen ebenfalls Figuren, u.a. von Evita und der Comicfigur Mafalda. Im Zentrum von La Boca leuchten die HĂ€user kunterbunt in allen Farben. Manche scheinen nur noch vom Lack zusammengehalten zu werden. Ohne Anstrich sĂ€hen die aus dem Blech abgewrackter Schiffe gebauten HĂŒtten wohl eher trist aus.

 

Seitenanfang