NIEDERLANDE 🇳🇱

Reiseroute 2020

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Mit dem Hasen auf Tour

Obwohl (oder vielleicht weil) die Niederlande so nah liegen, hatte ich dort zuletzt in den 1980ern Urlaub gemacht. 2020 kehre ich schließlich zurück. Eigentlich wollte ich Ende September ein zweites Mal nach Madagaskar, um den Westen zu sehen. Aber kaum hatte ich die Reise gebucht, kam Corona. Und war gekommen, um zu bleiben. Der Pandemie fiel zunächst Anfang Juni der geplante Besuch auf der schottischen Insel Skye zum Opfer. Diese Woche blieb ich zu Hause in Essen (bei mäßigem Wetter). Nun hatte ich im Herbst zwei weitere Wochen Urlaub und brauchte dringend Tapetenwechsel. Für Fernziele bestand nach wie vor eine Reisewarnung, und auch in Europa wurde es immer enger. Daher die Idee: Ich schnalle mir mein Segelboot „Rasender Hase“ hinter das Auto und gehe damit in der Nähe auf Tour.

Mehrere Mitglieder meines Yachtclubs empfehlen mir die niederländische Provinz Friesland. Mit ihren zahlreichen Seen und Kanälen ist sie ideal für ein kleines Boot mit wenig Tiefgang und auch für Anfänger geeignet. Ich fasse mir ein Herz: Auf gehts!

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Freitag, 18.09.2020: Duisburg – Langweer

Als ich mit dem Hasen in Duisburg losfahre, muss ich an die Liedzeile von Peter Fox denken: „Mein Teich ist zu klein…“ Es geht auf die A3 direkt in die Niederlande. Nach gut zweieinhalb Stunden fahre ich von der Autobahn ab. Das letzte Stück führt durch zwei Kreisverkehre (die ich schon ohne Trailer hasse) und zwei sehr hübsche Dörfer mit sehr engen Straßen. Natürlich kommen mir an den haarigsten Stellen eine fahrbare Pommesbude, ein Lkw und ein Bus entgegen. Trotzdem schaffe ich heil nach Langweer, frühzeitig für meinen Kran-Termin. Das Einkranen verzögert sich etwas, was gut passt, da der Hase wie ein Rollbraten verschnürt ist. Ich habe gerade die Leinen entwirrt, als der Hafenmeister mich rückwärts einweist (so klappt es…) und blitzschnell ins Wasser bringt. Dann hilft er mir noch, den Mast zu stellen und weist mir eine freie Box zu. Die ist viel zu groß für den kleinen Hasen. Elegant lege ich am Steg an und merke dann, dass ich die Heckleinen schon beim Passieren über einen der hinteren Dalben hätte werfen müssen. Die stehen einige Meter vom Steg weg und ich bin leider kein Cowgirl. Lassowerfen liegt mir nicht. Notgedrungen muss ich mit dem Motor wieder rückwärts raus, bis ich die Leine endlich drüber bekomme. Zum Glück versperrt das große Schiff neben mir die Sicht auf mein missglücktes Manöver. Dann bin ich aber fest, baue bei schönstem Wetter den Rest auf und setzte zum Abschluss meine niederländische Gastflagge.

Dass es nach Sonnenuntergang kühl wird macht mir in meinem Daunenschlafsack nichts, aber es wird sehr feucht (Tau). Als mich dann noch Mücken überfallen, verziehe ich mich in die Kajüte. Weil ich den Kasten mit dem Stromanschluss, der ohnehin einige Stege weiter ist, nicht aufkriege, mache ich mir auf meinem Mini-Festbrennstoffkocher Wasser für einen asiatischen Nudelcup heiß. Ich habe keine Energie mehr, um im Dorf nach einem Restaurant zu suchen. Der Liegeplatz ist windgeschützt, aber bei der Anreise bin ich an einem der Seen vorbeigekommen, der kleine Schaumkronen hatte. Das wird morgen spannend! Ich will mich mit zwei befreundeten Paaren im Sneeker Meer treffen.

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Samstag, 19.09.2020: Langweer – Starteiland

Bevor ich in See steche, mache ich einen kleinen Rundgang durchs Dorf und hole mir in einer Bäckerei einen Kaffee und ein Croissant. Der Ort ist sehr hübsch, hat mehrere Hafenbecken und sogar einen kleinen Strand. Die Bedingungen sind ideal: Sonne und Wind!

Mit klopfendem Herzen fahre ich aus dem Hafen hinaus in die Langweerder Wielen, wo ich in Ruhe mein Segel setzen kann. Dummerweise ist die Vorschot verdreht, und ich muss in den Bug klettern. Aber dann passt alles. Es ist ziemlich viel Betrieb. Ungewohnt sind die vielen Motorboote. Ich überquere den See und fahre in einen kleinen Kanal ein. Die Ufer sind von Schilf gesäumt und zunächst kommt der Wind schön von der Seite. Gut, dass ich ein Schiffs-Navi habe. Was ist das für ein Labyrinth von Kanälen! Wenn sich zwei kreuzen, sieht man manchmal Segelboote wie über Land fahren.

Mein Ziel ist Starteiland, wo ich mit Alexandra und Thorsten sowie Uwe und Melanie verabredet bin. Um den viel befahrenen Princess-Margriet-Kanal zu meiden, auf dem auch Frachtschiffe unterwegs sind, suche ich mir eine Nebenstrecke aus. Die ist dummerweise eine Sackgasse. Für mich mit meinem Acht-Meter-Mast ist an einer Autobahnbrücke, die sich nicht öffnen lässt, Schluss. Also doch auf den Kanal. Dummerweise kommt der kräftige Wind nun direkt von vorn und ich muss den Motor mitlaufen lassen. Trotzdem schaffe ich es ins Sneeker Meer und werde mit einem tollen Segelerlebnis – ständig über Rumpfgeschwindigkeit – belohnt. Ungewohnt: Der Wind ist stetig und dreht nicht dauernd. Man hat Platz, muss nicht ständig wenden. Eine herrliche Rauschefahrt bei 3 bis 5 Beaufort und strahlendem Herbstwetter. Allerdings ist es anstrengend, das Ruder zu halten, weil ungewohnt viel Wellengang herrscht. Erstmals segele ich mich müde und bin froh, als wir mit drei Booten in den Hafen von Starteiland einlaufen.

Ein frühes Abendessen, weil alle hungrig sind, dann noch gemütliches Beieinandersitzen im größten Boot, der „Iron“ von Uwe. Ziemlich schnell gehen wir ins Bett. Der Liegeplatz ist nicht so geschützt wie der Gestrige. Die Wellen glucksen gegen den „Rasenden Hasen“, der leicht schaukelt. Etwas schlägt gegen den Mast, obwohl ich das Großfall eigentlich weggebunden habe. Mitten in der Nacht klettere ich aus der Kajüte, um nachzusehen. Es ist nicht das Fall, das klappert, sondern die Leine von den Lazy Jacks, die ich mit wegbinde. Ruhe ist immer noch nicht. Bei starkem Seitenwind kann ich singen: „Süßer die Wanten nie klangen…“ Überhaupt bin ich überrascht, was mein Boot alles an Geräuschen zustande bringt: Knarz, schläng, klapper, eek… Kein Wunder, dass Käse aus Holland kaum Löcher hat: Die sind alle weggeflogen!

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Sonntag, 20.09.2020: Starteiland – Nieuwe Kruispolle

Nachdem ich mich von Alexandra und Thorsten sowie Uwe und Melanie verabschiedet habe, geht es zunächst alleine weiter. Am nächsten Wochenende allerdings will ich Uwe und Melanie in ihrem Ferienhaus in Lemmer besuchen. Doch zunächst nehme ich Kurs auf das Heeger Meer. Erst wieder durch den Princess-Margriet-Kanal (diesmal allerdings mit Rückenwind, was ein großer Unterschied ist). Dann links abbiegen durch einen weiteren Kanal, der sich schließlich ins Heeger Meer weitet. Das ist ziemlich groß (für meine Verhältnisse). Zwischendurch verliere ich die Orientierung. Zum Glück bringt mich meine Schiffs-Navi-App sofort wieder auf Kurs. Erst passiere ich die etwas größere Haseninsel. Dann erreiche ich die kleine unbewohnte Insel Nieuwe Kruispolle, an der ich anlege. Es sind sogenannte Marrekrite Plätze. Die sind mitten in der Natur, es gibt weder, Toiletten, noch Strom, noch Wasser. Dafür darf man bis zu drei Tage lang umsonst dort bleiben. Eine Privatinitiative hält die Anleger (ca. 3000 in ganz Friesland) in Schuss. Zur Unterstützung kann man für ca. 15 Euro eine Flagge kaufen. Die sind in dieser Saison allerdings schon lange ausverkauft. Ich bin wohl nicht die Einzige, die Corona-bedingt auf eine Flugreise verzichtet hat…

Hier wird es schon feucht, bevor es richtig dunkel ist, und die Mücken verfolgen mich durch die winzigen Lüftungsschlitze bis in die Kajüte. Ich versuche, ein Netz davor zu spannen.

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Montag, 21.09.2020: Nieuwe Kruispolle – Stavoren

Ich lege gemütlich ab und treibe mit leichtem Rückenwind das Heeger Meer hinunter. Als ich auf den Kanal Richtung Stavoren abbiege, schläft der Wind ganz ein. Schließlich mache ich doch den Motor an, fahre allerdings sehr langsam, damit der Akku genug Saft hat. Es ist so ruhig, dass ich mir einen Mittagssnack genehmigen und sogar einen Cocktail mixen kann. Reggae tönt aus meinem kleinen Bluetooth-Lautsprecher, die Kühlbox nehme als Fußbank und lasse ich mich treiben. Plötzlich fällt mir auf, dass überall winzige Spinnen sind, Das ganze Boot ist voller glänzender Fäden. Sowas hatte ich auch noch nicht. Wie ich von Anderen höre, ist es aber typisch für die Gegend. In Stavoren mache ich an einer kleinen Insel direkt neben der Ijsselmeer-Schleuse fest. Strategisch richte ich das Heck zur Sonne aus. Erstmal chillen!

Ich liege wunderschön, genieße die Sonne bis zum Untergang. Für den kommenden Tag ist wieder fantastisches Wetter, aber gar kein Wind angesagt. Spontan entscheide ich, in Stavoren zu bleiben. Bei meinem kleinen Boot kosten zwei Nächte gerade mal 7,75 Euro. Das ist der günstigste Urlaub meines Lebens! Sogar Strom habe ich, schmeiße den Mini-Kühlschrank an und stelle das Tonic Water kalt. Abends esse ich in dem Restaurant direkt nebenan einen Carpaccio-Salat. Sehr lecker.

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Dienstag, 22.09.2020: Stavoren

Wie meistens wache ich von alleine gegen 8.30 Uhr auf. Irgendetwas ist anders. Als ich die klitschnasse Dachluke wegschiebe, sehe ich, dass Nebel im Hafen hängt. Es sieht aus wie ein Aquarell. Hasi ist noch mehr zugesponnen. Er ist mehr ein Sommertyp. Nach dem Frühstück verzieht sich der Nebel und ich erkunde das Städtchen. Wirklich hübsch. Am Hafen steht Statue einer Frau, zu der es eine Legende gibt. In der Nähe ein Brunnen mit einem riesigen Fisch, der ebenfalls eine Rolle in der Geschichte spielt. Es gibt einen großen Supermarkt, in dem ich meine Vorräte aufstocke. Als ich zum Boot zurückkehre, ist es ziemlich heiß. Zum Glück ist ganz in der Nähe ein kleiner Sandstrand am Ijsselmeer. Das Wasser ist allerdings ziemlich kalt.

Am späten Nachmittag baue ich im Cockpit meines Bootes meinen kleinen heißen Stein auf und grille mir eine Aubergine. Die immer hungrigen, bettelnden Enten sind wieder sofort zur Stelle. Da ich zuviel Brot habe, teile ich mit ihnen. Ein grober Fehler (ja, das soll man sowieso nicht machen)! Zwei Erpel beginnen eine heftige Prügelei direkt neben meinem Boot. Das Wasser spritzt auf mich, meine Kissen und sogar auf mein Essen. Diese Entenarschlöcher! Jetzt gibt es nichts mehr, der Rest wandert leider in die Tonne.

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Mittwoch, 23.09.2020: Stavoren – Heeg

Das ist der beste Segeltag des Törns! Ich starte in Stavoren mit wenig Wind, der schnell auffrischt. Zum Glück kommt er von hinten. Vor einer Klappbrücke nehme ich die Segel runter und beschließe, zu reffen. Weil das bei den heftigen Böen nicht so einfach ist, gehe ich gleich ins 2. Reff. Eine gute Entscheidung! Trotzdem surfe ich den größten Teil des Weges mit bis zu 6,3 Knoten. Richtig Spaß macht es auf dem Heeger Meer. Probeweise versuche ich mal, in der Gegenrichtung zu kreuzen. Gleich klatschen die Wellen über den Bug. Schnell drehe ich wieder um. Gut, dass ich heute nicht in die Gegenrichtung wollte…

Der Spaß hört erst auf, als ich die Segel runternehmen möchte. Die Rollfock verknotet sich und flattert oben immer noch. Keine Chance, das jetzt am Bug zu ordnen. Das Schiff will nun partout nicht in den Wind drehen. Dennoch kann ich das Großsegel schließlich runterziehen. Im Hafen in Heeg mache ich erstmal direkt an einem Steg vor Kopf fest. Dann bekomme ich eine vergleichsweise kleine Box zugewiesen. An der fahre ich fast vorbei, muss rückwärts setzen, wobei der Wind mich in der engen Gasse schräg treibt. Schließlich schaffe ich es mit Hängen und Würgen in die Box und brauche Ewigkeiten, um das Boot festzumachen. Verdammte Dalben! Mit dem Bootshaken balanciere ich die Leine über den Poller. Erst als ich fertig bin, sehe ich die an den Seiten gespannten Seile, an denen ich mich hätte entlanghangeln können. Kurz darauf läuft direkt gegenüber ein Boot ein, und der Kapitän bittet mich, ihn anzunehmen. Natürlich helfe ich. Er heißt Leo, wir unterhalten uns angeregt und gehen schließlich in Heeg schön essen. Danach bin ich echt müde und lege mich früh in die Koje. Gut, dass ich mein selbstgebasteltes Cockpitzelt aufgezogen habe. Am Abend beginnt es, in Strömen zu regnen.

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Donnerstag, 24.09.2020: Heeg

Die Wettervorhersage hat Recht. Die ganze Nacht schüttet es durch und der Wind nimmt nochmal zu. Auch wenn eine Nacht hier 13,75 Euro kostet, bleibe ich eine zweite Nacht. Beaufort 5 bis 8 sind mir zu heftig, und selbst im geschützten Hafen kachelt es. Das Cockpitzelt baue ich ab, denn es hat die ganze Nacht einen Höllenlärm gemacht. Außerdem scheint schon wieder die Sonne.

Dann sehe ich mir die Stadt an, kaufe Mückenspray („Es gibt dieses Jahr besonders viele“, bestätigt der Ladenbesitzer) und kühlendes Gel für meine völlig zerstochenen Arme, esse Kibbeling, gucke vom Strand aufs Heeger Meer, das wirklich nicht sehr einladend wirkt, und kehre in einem Bogen zum Yachthafen zurück. Erstmal eine warme Dusche, dann verziehe ich mich in die Kajüte, weil wieder Regen einsetzt.

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Freitag, 25.09.2020: Heeg – Idskenhuizen

Es ist immer noch ziemlich windig. Aber ich will nicht noch einen Tag in Heeg bleiben. Außerdem bin ich ja mit Uwe und Melanie in Lemmer verabredet. Zunächst beschließe ich, das Vorsegel eingepackt zu lassen. Das 2. Reff bleibt natürlich. Verdammt kalt ist es auch geworden. Während ich segelmäßig abrüste, rüste ich kleidungsmäßig auf. Definitv kein Barfußsegeln heute! Schon das Verlassen der Box ist schwierig. Als ich dann ins Heeger Meer möchte, habe ich so heftigen Gegenwind, dass ich erstmal abdrehen muss. Schließlich schaffe ich es aus der Hafeneinfahrt heraus, aber gegen den Wind Richtung Süden über das Heeger Meer zu segeln, ist unmöglich. Also biege ich links in den Kanal Richtung Osten ab. Zunächst lässt der Wind etwas nach. Ich versuche den nächsten Kanal Richtung Süden. Keine Chance. Also mit Seitenwind weiter. Doch der wird so stark, dass ich gegen das gegenüberliegende Ufer gedrückt werde. Zum Glück ist dort keine Steinböschung, sondern ein durchgehender Holzbalken. Also kämpfe ich nicht weiter gegen die Böen an. Ich hänge Fender raus und rupfe mühsam das Großsegel runter. Was nun? Hasi klebt im Schilf wie festgenagelt. Natürlich ist genau da, wo ich liege, eine fette Diestel…

Ich stelle mich schon darauf ein, die Nacht mitten im Nichts zu verbringen, da kommt ein großes Motorboot mit zwei Männern an Bord vorbei. Ob ich Hilfe brauche? „Naja, mein Motor ist zu schwach, um gegen das hier anzukommen. Könnt ihr mich eventuell ziehen?“ – „Werf die Leine rüber!“ Das ist mir nicht ganz geheuer, aber ich habe keine Wahl. „Wo möchtest du denn hin?“ – „Nach Lemmer, aber ich fahre dorthin, wo ihr hinfahrt.“ – „Wir müssen nach Idskenhuizen, das ist auf dem Weg nach Lemmer.“ Ok, ich lasse mich abschleppen. Der Start ist etwas ruckartig und führt mit Schwung durch einen überhängenden Busch. Vor mir zwei Auspüffe mit Dieselabgasen. Trotzdem werde ich nie wieder was gegen Mobo-Fahrer sagen! Sie ziehen mich weiter durch den Kanal und biegen dann rechts in das Kufurder Meer ab, das wir durchqueren. Nun geht es mit über fünf Knoten voll gegen den Wind. Während die beiden Mobo-Fahrer ein paar Meter über mir stehen und gemütlich cruisen, klatschen mir die Wellen ins Gesicht. Das untere Schott habe ich bereits im Kajüteingang, aber das Obere liegt noch in der Backskiste. Ich fische es heraus, doch die Kajüte hat schon einen Schwall Wasser abbekommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir den Hafen von Idskenhuizen. Ich bedanke mich überschwänglich bei Rettern und möchte sie auf etwas einladen, aber sie müssen nach Hause zurückfahren.

Obwohl hier offenbar nicht viel ist, miete ich einen Liegeplatz über Nacht. Ich kann mir zwar einen aussuchen, aber es sind wieder Boxen. Ansteuern, dabei die Heckleine über den Dalben werden, was sogar klappt, aber das Boot wird von Wind sofort quergetrieben und ich hänge nun zwischen zwei Dalben. Das nächste Boot ist zum Glück weit genug weg. Wieder die Frage: Was nun? Da bietet mir ein Mann vom Ufer aus Hilfe an. Ich werfe die Bugleine und er zieht mich in die Box. Uff! Ich bin fix und fertig. Außerdem habe ich mir bei dem hektischen Anlegemanöver etwas Spitzes ins rechte Schienbein gehauen und muss erstmal die blutende Wunde verpflastern.

Im Wind trockne ich meine Polster, lade die Batterie vom Motor wieder auf und werde langsam ruhiger. Der Tag war zwar total suboptimal, aber Hasi hat nichts Schlimmes abbekommen, ich bis auf die Wunde am Schienbein auch nicht und wir liegen fest. Als ich mich von den Strapazen erholt habe, sehe ich mir den Ort an. Ist klein. Sehr klein. Hoffentlich komme ich hier morgen wieder raus! Die Nacht bleibt erstmal ungemütlich. Der Wind reißt an meinem Vorstag und ich gehe den weiten Weg zum Waschraum im kräftigen Regen.

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Samstag, 26.09.2020: Idskenhuizen – Lemmer

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich über Windstille so freuen kann! Der Morgen ist eiskalt (acht Grad in der Kajüte), aber ruhig. Ich nehme eine heiße Dusche (die sind frisch renoviert und sogar im Preis inbegriffen), frühstücke und fühle mich nun bereit, wieder abzulegen. Mit Motorunterstützung (der Wind reicht nicht) fahre ich den Princess-Margriet-Kanal hinunter in das Groote Brekken. Selbst auf dem See ist so wenig Wind, dass ich den Motor mitlaufen lasse.

Dann nehme ich die Segel runter und begebe mich in das Labyrinth der Ferienhaussiedlung De Brekken, wo Uwe und Melanie schon warten. Es ist ein geruhsamer Nachmittag auf der sehr schönen Terrasse. Sie probieren meinen E-Motor anstelle des schweren 5-PS-Viertakters an ihrem Dinghy aus. Melanie ist begeistert. Abend gehen wir in Lemmer chinesisch essen. Ein Paar schließt sich an. Überraschung: Ich kenne die beiden auch!

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Sonntag, 27.09.2020: Lemmer

Eigentlich hätten Uwe und Melanie am Wochenende Segelschüler für ein Skippertraining gehabt, aber die sagten kurzfristig wegen Krankheit ab. So lassen wir es gemütlich angehen. Nach einer stürmischem Nacht ist der Wind wieder eingeschlafen. Das Wetter ist trübe und zwischendurch regnet es kurz. Der Plan, mit Melanies Schiff eine Runde rauszufahren scheitert, weil „Rocca“ mit ihrem 1,40m-Kiel im Schlamm steckt (der Wasserstand im Kanal ist ziemlich niedrig).

Stattdessen schnallen wir wieder meinen Torqeedo an das Dinghy. Diesmal bin ich an der Reihe. Uwe will mir beibringen, den Motor, den ich sonst festgestellt habe und mit Fernsteuerung und der Bootspinne bediene, zum Manövrieren auf engem Raum im Hafen mit drehbarem Motor und der Motorpinne schneller zu manövrieren. Beim Gasgeben kriege ich einen Knoten ins Hirn und verwechsele ständig Vorwärts- und Rückwärtsgang. Sobald es eng wird, nehme ich das Gas weg. „Ganz falsch“, meint Uwe, da das Boot sich dann nicht mehr steuern lässt. Schließlich überwinde ich meine Angst und werde etwas sicherer. Dann geht es einen Schritt weiter. Uwe und ich üben mit Hasi in dem engen Labyrinth und im benachbarten Hafenbecken. Tatsächlich: Wenn ich den Motor mit der Pinne drehe, kann ich auf dem Teller wenden. Vor der Ausfahrt üben wir noch Leinenwerfen. Ich habe heute wirklich was gelernt und hoffe, dass ich es morgen umsetzen kann. Die Nacht verbringe ich noch an Uwes Steg (die beiden machen sich schließlich auf den Heimweg). Ich möchte noch einen Tag in Lemmer bleiben und werde in den stadtnahen Binnenhafen umziehen.

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Montag, 28.09.2020: Lemmer

Es hat die ganze Nacht durchgeregnet. Im Morgennebel bewegt sich kein Lüftchen. Sogar die Stare, die Hitchcock-mäßig die Boote belagert haben, sind weg. Ich mache den Motor klar, um den Binnenhafen anzusteuern. Das Ablegemanöver klappt. Da ohnehin kein Wind ist, fahre ich unter Motor bis ins Zentrum von Lemmer. Zunächst lege ich elegant am Meldesteiger an und registriere mich im Hafenmeister-Büro. Meine Box ist gleich um die Ecke und hat einen durchgehenden Steg an Backbord. Ich bin zuversichtlich, zumal ich ja geübt habe. Doch im Hafenbecken herrscht unerwartet viel Strömung, die mich beim Manövrieren auf ein großes Mobo drückt. Mir ist klar, dass ich einen kräftigen Schub zurück geben muss. Doch während ich noch überlege, in welche Richtung ich den Motor drehen muss, hänge ich schon mit dem Want am Lenker eines Fahrrades (genau zwischen Griff und Handbremse, das war Maßarbeit!), das im Bug geparkt ist. Hasi dreht sich so, dass er zusätzlich mit dem Vorstag vor dem riesigen Buganker des Mobos klemmt. Zum Glück ist der Eigner a) an Bord und b) cool. Er entwirrt mich und schubst mich ab, sodass ich die Box ansteuern kann. Dabei spiele ich mit dem Boot, das neben mir liegt, Fenderstupsen, bis ich endlich drin bin. Voll peinlich, aber wohl kein Einzelfall, wie mir andere BootsbesitzerInnen versichern. Erstmal frisch machen! Aber selbst, wenn man sich nur im Waschbecken die Zähne putzen will, muss man einen Automaten mit 50-Cent-Stücken füttern. Frechheit!

Zusätzlich zum dichten Nebel setzt Nieselregen ein. Dick verpackt, mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. In der Nähe des Hafens ist ein schöner Strand, im Zentrum sind viele Geschäfte und Restaurants. Durchgefroren flüchte ich mich in eine Pizzeria und stärke ich mich erstmal. Dann bummele ich durch die Straßen. Ich kann verstehen, dass so viele hier ihre Boote liegen haben. Schon schön. In einem Yachtbedarfshop kaufe ich zwei zusätzliche Fender für den Bug und die Signalflagge 1, um zu anzuzeigen, dass ich Einhand segele. Nachher gehe ich noch in den Beach Club, um einen Caipi zu trinken. Schade, dass es immer noch so trüb ist!

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Dienstag, 29.09.20: Lemmer – Sloten

Nachdem es die ganze Nacht geschüttet hat, regnet es immer noch, als ich aufwache. Also frühstücke ich erstmal in Ruhe. Endlich hört es auf. Es ist allerdings immer noch trüb und alles ist klitschnass. Mit der Ölzeughose mache ich mich schließlich auf den Weg. Beim Ablegen touchiere ich diesmal „nur“ einen Dalben. Der Wind kommt zunächst genau von vorne. So war das auch nicht angesagt. Immerhin kann ich über das Groote Brekken segeln. Dabei begegnet mir ein extrem seltsames pinkfarbenes Gefährt.

Dann geht noch einmal durch Kanäle, und ich erreiche Sloten, wo im Ortseingang eine malerische Windmühle steht. Direkt daneben ist ein kleines Hafenbecken, dass jetzt – in der Nebensaison zwischen Sommer- und Herbstferien – fast ganz leer ist. Ich muss nicht in einer Box anlegen und habe keine Probleme. Plötzlich reißt es auf, die Sonne kommt heraus. Dann erkunde ich Sloten, die kleinste Stadt der Niederlande. Echt putzig mit einer Gracht, die von bilderbuchmäßigen Häuschen gesäumt ist. Als ich von meinem Spaziergang zurückkehre, kommt langsam die Abendsonne ins Cockpit. Das tut so gut!

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Mittwoch, 30.09.2020: Sloten – Langweer

Das Wetter ist ganz ordentlich angesagt mit Wind von Süden (also weitgehend von hinten/bzw. von der Seite). Es ist trüb, als ich losfahre, aber immerhin trocken. Mein Ablegemanöver klappt picobello. Alleedings muss ich nur gerade aus dem leeren Hafen rausfahren. Um die Ecke wartet gleich die erste Klappbrücke. Es ist die Einzige auf meinem Törn, die etwas kostet: drei Euro. Die Bezahlmethode ist haarig. Der Brückenwärter lässt während der Durchfahrt einen Holzklotschen (mit friesischem Muster angemalt) von oben herunterbaumeln. Man muss ihn fangen, das abgezählte Geld hineinlegen und muss gleichzeitig Kurs halten. Augen zu und durch. Irgendwie schaffe ich es, ohne die Brücke zu rammen. Über einen Kanal gehts mit Rückenwind zum Sloter Meer, das ich durchquere. Zum Glück habe ich auf dem engen Kanal nur die Fock gesetzt. Das Groß bleibt unten, denn der Wind nimmt zu. Ich friere und ziehe die Regenhose über. Am Nordende werden die Wellen unangenehm. Dann setzt Regen ein, Erst nieselt es, dann regnet es immer heftiger. Ich mag Wasser, aber plötzlich kommt es auch von oben. Meine Winterjacke saugt sich langsam voll Wasser. Irgendwann reicht es mir, und ich krame die Regenjacke vom Ölzeug aus der Backskiste. Der Regen begleitet mich bis Langweer, dafür lässt der Wind nach. Eigentlich wollte ich erst Montag auskranen, aber die miese Wettervorhersage hat mich den Törn abkürzen lassen. Eine gute Entscheidung!

Wie soll ich bloß mein Zeug vor dem Auskranen ein wenig trocken kriegen? Kurz nach dem Anlegen hört der Regen endlich auf und sogar die Sonne lässt sich kurz blicken. Bevor es wieder weiternieselt, trockne ich schnell die Segel und verpacke alles. Der Hafenmeister hilft mir noch beim Mastlegen. Morgen früh wird ausgekrant. Anschließend bin ich ziemlich kaputt und hungrig, denn das Mittagessen ist mal wieder ausgefallen. Doch zuerst muss ich noch tanken, denn mit dem Hasen im Schlepp möchte ich keine Zapfsäule ansteuern müssen. Schließlich bin ich völlig erledigt, gehe ich in den Ort und lasse mich im erstbesten Restaurant nieder. Es ist mehr eine Kneipe, die hauptsächlich Burger hat. Egal… esse ich eben Burger.

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Donnerstag, 01.10.2020: Langweer – Duisburg

Der Hafenmeister hat nur bis 9.30 Uhr Zeit. Also krane ich früh aus. Passt, denn ich muss noch drei Stunden mit dem Auto fahren. Ich nutze noch die allerletzte Chance, ein vor dem Kran liegendes Boot zu rammen. Wenigstens gibt sich der Hafenmeister, der keine Miene verzieht, auch eine Blöße: Er findet meinen Trailer erst beim dritten Anlauf, während der Hase im Kran schaukelt. Endlich ist er auf dem Trailer, ich schnüre ihn fest, baue das Ruderblatt ab und mache mich dann auf den Weg zum Heimathafen in Duisburg. Gerade als ich den Hasen dort auf den Parkplatz stelle, setzt strömender Regen ein. Mein erster Törn mit dem eigenen Schiff ist nun offiziell zu Ende!

P.S. Am Freitag, 2.10.2020, wird Friesland mit weiteren Provinzen der Niederlande zum Corona-Risikogebiet erklärt. Wäre ich wie geplant erst Montag zurückgekommen, hätte ich 14 Tage in Quarantäne gemusst…

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